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Kate Bush - The Dreaming

EMI
Wem Hounds of Love schon zu abgedreht war, der sollte hier gar nicht erst weiterlesen.

Es ist für mich immer ein gutes Zeichen, wenn man einem Album, einem Film oder einem Buch das Entstehungsjahr nicht anmerkt. Ein Roman wie Das Foucaultsche Pendel hätte genauso gut 1930 oder 2015 geschrieben werden können, was ihn so großartig für jeden geduldigen Leser macht. Geduld und Zeitlosigkeit sind Attribute, die man auch der Musik von Kate Bush problemlos zusprechen kann - Geduld beim Perfektionieren ihrer Platten, Zeitlosigkeit des Gehörten (insbesondere der Output zwischen 1978 und 1985 klingt absolut nicht seiner Zeit verhaftet), Geduld, die dem Hörer abverlangt wird, um die Musik wirklich schätzen und verstehen zu können.

Und letztere ist besonders für The Dreaming, das 1982 veröffentlichte vierte Album der Britin, erforderlich. Denn die perfektionierte Balance von bis zu zehn verschiedenen Soundschichten, die auf Hounds of Love zu bestaunen war, ist auf dem Vorgänger noch rauher, experimentierfreudiger, verrückter. Der Opener Sat In Your Lap, ein Klangspektakel zwischen The Wizard of Oz und der Rocky Horror Show, setzt mit gewaltigen Drums ein, ehe ein ebenso gewaltiger, unvermittelter Gesang den Zuhörer direkt ins kalte Wasser dieser ohnehin sehr wilden Platte wirft - allein die erste Minute zeigt Kate Bush auf einer stimmlichen Wechselfahrt, die von märchenhaft-hohem Sirenengesang a la Wuthering Heights bis zur dramatischen, tiefen Stimmpräsenz aus einem Dance of the Vampires reicht. Das zugehörige Musikvideo treibt diese Gegensätze auf die Spitze, von Hofnarrenkostümen bis hin zu Minotauren war man darauf bedacht, die avantgardistische Natur des Songs auch visuell umzusetzen. Leider ist Sat In Your Lap relativ schnell wieder vorbei, die drei Minuten hätten ruhig verdoppelt werden können. Musikalisch fühle ich mich bei dem Stück zudem eindeutig an Donna Summers She Works Hard For The Money von 1983 erinnert, und ich weigere mich, zu glauben, dass diese Ähnlichkeit, die besonders im Refrain und im Intro hörbar wird, Zufall ist. Ist aber ohnehin schön, wenn auch andere die Genialität Kate Bushs schätzen.


Bei der wechselhaften Natur dieses ersten Songs überrascht es gar nicht, dass mit There Goes A Tenner nun eine sehr Cabaret-mäßige Nummer über amateurhafte Bankräuber folgt, die soundmäßig mit den Genesis der späten 70er-Jahre viel gemein hat (sogar thematisch: Robbery, Assault & Battery befasst sich auch mit Verbrechern, wenn auch nicht ganz so tongue-in-cheek wie Kate Bush). Einer meiner Lieblingssongs von Bush, auch aufgrund seines Inhalts, ist Pull Out The Pin, das mit den Mitteln der Stammesmusik und des Samplings vom Vietnamkrieg erzählt - nach eigener Aussage inspiriert durch eine Dokumentation über Vietcong-Soldaten und ihre Traumata durch den Kampf gegen die US Army im Dschungel, die persönliche Belastung durch das Töten von Feinden, die womöglich genauso in der Heimat eine Familie haben, die auf sie wartet (I look in american eyes/see little life...little wife). Die textliche Haltung ist stark expressionistisch, auffallend somit die Schilderung von Natur und dem Gestank der US-Soldaten (They stink of the west, stink of sweat, of cologne and bazzy and all their yankee hash), die das Lied zu einer Art Kriegsfilm in Musikform machen und viel zur Stimmung des Stücks beitragen, das auch mit Hubschrauber-Samples aufwarten kann, die den Hörer abermals tief ins Geschehen ziehen. Ist Suspended in Gaffa dann guter Pop, so darf sich die Protagonistin der Platte in Leave it Open voll am Fairlight Synthesizer austoben, verzerrte Stimmen prügeln von allen Seiten auf den Hörer ein, der Drumsound von Phil Collins und Hugh Padgham findet sich in der zweiten Hälfte des Songs ebenfalls, so dass ein atmosphärisch sehr dichtes Stück entsteht, welches eines der großen Highlights eines großen Albums darstellt.

Ähnlich wie auf Hounds of Love tummelt sich das wahrlich großartige Material auf der zweiten Seite, die diesmal allerdings keine zusammenhängende Suite ist, vielmehr eine Art Art-Rock-Show in kleinerem Format. Der Titelsong The Dreaming könnte ebenso gut ein Peter-Gabriel-Instrumental mit einer weiblichen Gesangsspur sein, so schräg, so kammermäßig, so paranoid und so wahnsinnig wirkt es - spätestens wenn eine grandios verstimmte Geige den Track beendet, wird einem ganz anders zumute (positiv gemeint... ich finde den Song großartig). Nahtlos folgt Night of the Swallow, der stark nach irischem Folk tönt und Kate Bush einmal fernab von Vokalexperimenten von einer überaus dramatischen Seite zeigt, welche den Versuch, einen geliebten Menschen von einem folgenschweren Verbrechen abzuhalten, beleuchtet, sie in ein Prog-Rock-Gewand packt, dem ich ganz einfach nicht widerstehen kann, noch weniger, wenn im Finale erneut das Echo kommt und Bush wieder einmal aus allen Himmelsrichtungen an den Hörer dringt - Gänsehaut, so schreibt man Songs! All the Love nimmt die Choräle aus der Ninth Wave-Suite von Hounds of Love vorweg und erinnert stark an das Werk von Popol Vuh, nur natürlich mit einem weiblichen Gesangspart, der jedoch in Sekundenschnelle zum Altgesang einer Bonnie Tyler oder Lana Del Rey werden kann, ohne dass die natürliche Dynamik der Musik gestört würde, die sich herrlich an die Gesangskünste ihrer Hauptdarstellerin anpasst und gleichwertige, wichtige Ergänzung ebenjenes Gesanges darstellt. Man merkt einfach beim aufmerksamen Zuhören, wie sich nach und nach all die Schichten der Musik auftun, wie clever Kate Bush ihre Songs schreibt, wie eigen ihr diese Musik ist, weshalb es auch - abgesehen von den bekannten Radiohits - so gut wie keine Coverversionen von Bush-Songs gibt - sie wurden einfach von der Sängerin für sich selbst, und nur für sich selbst geschrieben, was sich wie erwähnt darin äußert, wie treffsicher sich die Musik um die Stimme ihrer Interpretin schmiegt.

Diese baut gegen Ende ihres vierten Albums auch endlich, endlich wieder Streicher ein, die unter der Regie dieses britischen Genies da einen guten Eindruck zu schinden im Stande sind, wo sie bei so ziemlich jedem anderen Interpreten aufgesetzt und peinlich wirken würden - Bush schafft mit dem Einsatz von Streichern ihre eigene Avantgarde, und diese ist wirklich eine passende Ergänzung zu den Songs, in denen sie verwendet wird. Houdini ist damit eine Berg- und Talfahrt der Empfindungen, da, wo besagte Streicher auftauchen, wird das Stück schwarz wie die Nacht, ansonsten klingt es fast noch hoffnungsvoll - dieser Zwist passt zum Thema der Versuche der Frau Harry Houdinis, mit ihrem kranken Mann zu kommunizieren - mal erfolgreich, mal vergeblich. Get Out Of My House kehrt zum Abschluss wieder in tief experimentelle Gefilde zurück, und den Song wirklich zu beschreiben, fällt ob seines schier überwältigenden Charakters äußerst schwer. Nur so viel: er klingt abermals nach Gabriel, genauer gesagt erinnert er mich frappierend an No Self Control und mit den Gitarrenparts auch an And Through The Wire. Die Stimmen im Pre-Chorus, verzerrt wie durch ein Telefon, sind einfach so genial, weil sie schlicht und ergreifend... passen, ich weiß nicht, wie ich das beschreiben soll. Das Stück zeigt zum Abschluss Kate Bush als eine Sirene des vollkommenen Wahnsinns, die alle negativen Gefühle gleichzeitig in sich vereint: Isolation, Verfolgungswahn, Traumata, Misstrauen... sie schreit Get out of my house! und mit ihr schreien alle Menschen, denn das Bruchstück des Wahns, das Kate Bush hier abgeliefert hat, spricht jedem, der es hört, aus dem Herzen, jedem, der selbst schon einmal vollständig die Fassung verloren hat und jedem, der sich selbst von allem isoliert, kommt die Grundstimmung des Songs mehr als nur bekannt vor und das macht ihn zum bestmöglichen Abschluss eines absolut irren Albums.

Wie eingangs erwähnt, braucht aus der Diskographie von Kate Bush insbesondere The Dreaming seine Zeit, bis es beim Zuhörer reifen kann. Findet man beim zweiten oder dritten Anhören Sat In Your Lap womöglich bereits klasse, so fordert vor allem die zweite Seite dem Zuhörer viel Geduld ab. Als Einstieg in die Welt von Kate Bush ist The Dreaming somit natürlich vollkommen ungeeignet, es empfiehlt sich wirklich, mit Hounds of Love oder The Sensual World anzufangen und sich vorzuarbeiten, auch die neueren Platten der Frau sind nämlich nicht ohne einen gewissen Anspruch genießbar. Viele finden den Zugang zu diesem Panoptikum des Wahnsinns auch nie: The Dreaming war - gemessen an den drei Vorgängern - bei seinem Erscheinen 1982 ein Flop, es hielt sich viel kürzer in den Charts und schaffte im Gegensatz zu Never for Ever auch nicht mehr den Sprung an die Spitze. Auch die Kritik war allzu bedacht darauf, dem Album Unbeständigkeit und zu viel Experimentierfreude vorzuhalten. Der Kommentar der Sängerin selbst zeugt dennoch von einer absolut berechtigten Zufriedenheit mit dem Album: Was ich hauptsächlich zu hören bekam, war "unkommerziell"... aber dass ein unkommerzielles Album direkt auf Platz 3 der Charts einsteigt, scheint mir ironisch.

Nächste Höchstwertung für die beste Wahnsinnige, die diese Welt je gesehen hat.


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