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Kate Bush - Hounds of Love

EMI
I think that music is something that surpasses trends. Egal wie viele Musiker einen solchen Satz von sich geben, selten wird es jemanden geben, bei dem diese Phrase glaubhafter wirkt als beim musikalischen Weltwunder Kate Bush.

Wer jemals beim Radiohören die Melodie eines Kinderliedes in Verbindung mit einem unwahrscheinlich hohen Gesang und einer sehr eigenartigen Atmosphäre aufgenommen hat, der hat sehr wahrscheinlich Wuthering Heights, die Debut- und Durchbruchssingle von Kate Bush gehört. Und auch, wenn ich diesen Song wirklich hasse, muss ich der Frau dahinter zugute halten, dass sie sich damit wohl gegen jegliche, irgendwie mögliche Konvention des Erscheinungszeitpunkts 1978 gestellt hat, zu dem der Punk stark im Kommen und der Progressive Rock in seiner klassischen Phase endgültig tot war. Die Folgealben steigern sich kontinuierlich, stets auf Konventionslosigkeit und Vielschichtigkeit bedacht, ehe der Britin 1985 mit Hounds of Love der ganz große Wurf gelingt. Und hier kann ich wieder einmal vorwegnehmen: der Hype war damals gerechtfertigt, der Hype ist immer noch gerechtfertigt!

Das belegt bereits die Vorabsingle des Albums Running Up That Hill, bei dem lediglich die Drumlinie an irgendetwas anderes aus dem Entstehungsjahr erinnert: der Gesang ist der Oper viel näher als irgendwelchen zeitgenössischen Mitstreiterinnen, Echoeffekte, Verfremdungen und dichte Synthesizergewebe kommen zum Einsatz und zeigen die technische Versiertheit der Frau, die sich auch auf einigen Peter-Gabriel-Platten wiederfinden lässt (jeux sans frontieres...) und die wohl als Pionierin des Sampling gelten darf, wie etwa mein persönlicher Favorit des Albums, Waking the Witch, beweist, der extreme Verzerrungen und Hubschraubersounds über gesprochenen Dialog laufen lässt, sich gleichzeitig mit einem Orchester der Dramatik eines György Ligeti, eines Prokofiev annähert (Under Ice) oder Einflüsse afrikanischer Volksmusik mit gnadenlos perfektionierten Synthie-Läufen verbindet (Watching You Without Me).

Zu sagen, Kate Bush gab und gibt einfach nichts auf gängige Konventionen, reicht wahrscheinlich bei weitem nicht aus: diese Frau ist eine absolute Vorreiterin zutiefst eigener Musik, und das bei einem der größten Musiklabels überhaupt (EMI), eine Sängerin, neben der andere Stars ihrer jeweiligen Zeit wie Madonna oder später die Spice Girls eigentlich gar nicht existieren hätten dürfen. Auch lyrisch wird dies klar: das Überbordwerfen traditioneller Geschlechterrollen und der verzweifelte Schrei nach Empathie für den jeweils anderen in Running Up That Hill ist wohl Grund genug dafür, dass Bush mit ihrem Album Madonnas Like A Virgin von den weltweiten Chartspitzen verdrängen konnte. Oder das Eintauchen in Traumwelten in der zweiten Hälfte des Albums, gewissermaßen die kafkaeske Verschmelzung von Übernatürlichem und Alltäglichem (But see your little lights alive/Stop that lying and sleeping in bed, get up!), die sich wiederum musikalisch im nahtlosen Übergang von modernster Popmusik zu klassischen Genres, von opernhaftem Gesang zu surrealer Stammesmusik ausdrückt. Diese verschiedenen Soundgerüste geben Bush Raum, ihre Stimme, die im Gegensatz zu damaligen Mainstreamsängerinnen wie Whitney Houston oder Madonna mehr als eine einzige Kleinmädchennote beherrscht (obwohl sie auch diese souverän vorträgt... ;)), in der steten Anpassung an die ständig wechselnden Stile der Musik warmzuhalten, ihr ganzes Talent preiszugeben, sich jedoch stets bewusst seiend, dass auch die beste Stimme immer nur Teil eines größeren Ganzen sein kann: die Produktion, die an die Hochphase der legendären Trevor Horn Productions (Frankie Goes To Hollywood - Welcome to the Pleasuredome) erinnert, räumt der Instrumentierung jede Menge Fläche ein, um an die verschiedenen Emotionen des Publikums zu gelangen, sei es Freude, Ratlosigkeit oder Traumzustände. Die Balance von Gesang, Backgroundgesang und den vielen, vielen Instrumenten, die allesamt vielschichtig zu einem äußerst komplexen Klangnetz angelegt sind, ist wirklich, wirklich der Inbegriff von Perfektion. Dass Kate Bush sich auch selbst für die grandiose Produktion von Hounds of Love verantwortlich zeichnete, verwundert da schon gar nicht mehr. Und wenn die zweite Seite dann mit Bushs typischer Stimmakrobatik im Outro von The Morning Fog endet, dann ist die Welt ein besserer Ort - zumindest für ein Stündchen...

Hounds of Love ist wohl das letzte Album, dem man anno 1985 irgendwelche Erfolgschancen zugestanden hätte: dominiert von Madonna, den Dire Straits und Modern Talking, hätte jeder Manager wohl die Hände vor dem Kopf zusammengeschlagen, hätte man ihm ein Stück wie Jig of Life vorgespielt. Doch Kate Bush kann zum Glück selber denken und hat mit Hounds of Love eine zutiefst persönliche, eigene, einfach Kate Bush-mäßige Platte abgeliefert, die sich gegen jede Konvention richtet und einfach fernab von allen Trends ihr Ding durchzieht. Eine höchst angenehme Abwechslung von den damalig omnipräsenten Girlies und Boybands, die Selbständigkeit heuchelten, doch mit dem Lauf der Jahre genauso verblassten wie ihre mäßige Musik. Kate Bush steht auch heute noch da wie ein Fels in der Brandung. Denn Kate Bush hat Persönlichkeit, hat Stil, hat Grazie. Und das scheint auf keinem Album so fantastisch durch wie auf Hounds of Love. Absolute Empfehlung und die Höchstwertung für die herrlich exzentrische Bush'sche Kunst.


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