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Fargo - Jesses, wie das Leben so spielt...


Große Taten ziehen große Folgen nach sich - im Guten wie im Schlechten. Der schwarzhumorige Thriller Fargo - Blutiger Schnee der Coen Brothers war bei seinem Erscheinen 1996 ein immenser Erfolg: auf beiden Seiten des Atlantiks hagelte es Auszeichnungen und einen Gewinn, der fast das Neunfache der Produktionskosten betrug. Die Mischung aus schwarzer Komödie und Kriminalgeschichte mit einem Hauch Heimatidylle funktionierte so grandios, dass die Versuchung, den Film von der großen Leinwand in die Wohnzimmer zu holen, einfach zu groß war: 2017 kann der Fan nun schon auf drei Staffeln der Event-Serie Fargo, bei der die Coens als ausführende Produzenten fungieren, zurückblicken. Innerhalb einer sehr schönen und erholsamen Woche habe ich mir mit einem glühenden Fan, der mich nun endlich dazu überreden konnte, die drei Staffeln der Serie angesehen und berichte nun von meinen Eindrücken... Ihr Tag möge gesegnet sein.

Jede Staffel der Serie erzählt anthologiemäßig etwas anderes, jedoch scheint in jeder der drei Geschichten, die allesamt phantastisch geschrieben wurden, das Motiv des Schicksals und des extremen Zufalls, vielleicht auch der (un-)glücklichen Fügung eine Rolle zu spielen. Nehmen wir beispielsweise die Geschichte Lester Nygaards aus der ersten Staffel, der in der Pilotfolge auf dem Heimweg den ehemaligen Schulschläger Sam Hess trifft, was ihm eine gebrochene Nase und einen Krankenhausbesuch einbringt, bei dem er den Profikiller Lorne Malvo, seines Zeichens berechnender Soziopath und Peiniger, kennenlernt, der ihm anbietet, Sam umzubringen. Durch ein Missverständnis bringt Malvo Sam also um, die anschließenden Ermittlungen der Polizei führen über Umwege dazu, dass Lester seine Frau erschlägt und nun alle Hände voll zu tun hat, seinen Namen reinzuwaschen. Er verstrickt sich immer weiter in Widersprüche, bis er es letzten Endes schafft, die Schuld auf andere abzuwälzen. Nach einem Jahr Ruhe begeht er einen entscheidenden Fehler und der Kreis schließt sich...

Dieser Handlungsverlauf ist archetypisch für das Wesen der Fargo-Franchise. In jeder Staffel scheint irgendwo ein kleiner Jerry Lundegaard durch, der sich von einer Last befreien möchte und durch seine Überlebenskunst alles nur noch schlimmer macht. Das zeichnet Fargo einfach aus. Genauso wie das Setting, das in jeder Staffel ein zutiefst winterliches ist und den Autoren der Serie die Möglichkeit gibt, ihre Geschichten in noch eindringlichere Bilder zu verpacken. Vogelperspektiven tief verschneiter Wälder, Parallelmontagen (die besonders die zweite Staffel zu einem cinematographischen Genuss machen), perfekt symmetrisch angelegte Aufnahmen großer Hallen oder langer Gänge, Froschperspektiven am Straßenrand, die unendliche Spiegelung eines Lifts... jede Staffel von Fargo fühlt sich wie ein 10-teiliger, akribisch durchkalkulierter, von Meisterhand geformter Film an und bereitet somit dem Original inszenierungstechnisch alle Ehre.

FX/MGM/Netflix
Auch bei der Atmosphäre - dem Setting, den Charakteren, den Dialogen - scheint der Geist des Originals in jedem Moment durch. Das Leben in der Provinz Minnesotas und North Dakotas wird zwar stets mit einem Augenzwinkern, doch niemals von oben herab dargestellt, vielmehr findet sich in der Naivität, der Rückständigkeit und dem Konservativismus der Bewohner solcher Kleinstädte wie Fargo oder Eden Valley etwas Liebenswürdiges, besonders in Staffel 3 vielleicht sogar etwas Erstrebenswertes. Denn abgesehen von den Morden (von denen es sehr viele gibt) scheint die Welt von Fargo noch einfacher, in Ordnung zu sein. Da, wo man sich kennt und den Glauben an das Gute im Menschen noch nicht verloren hat, setzten die Autoren an und ließen dreimal die Idylle von jeder nur erdenklichen Gewalttat heimsuchen. Das provoziert, insbesondere in der zweiten Staffel, welche in den späten 70ern angesiedelt ist, Dialoge über Sinn und Unsinn des Kapitalismus, über das Wesen des Menschen und über tiefere Fragestellungen wie den Verlauf der menschlichen Evolution und den Rückfälligkeiten, die dem Menschen aufgrund dieser Evolution noch innewohnen. Dass Fargo dabei trotzdem nie den Boden verliert und der Zuschauer sich stets auf den dichten Handlungsverlauf konzentrieren kann, verdankt die Serie vor allem dem erwähnten Humor, der oft sehr düster ist, aber stets über der Gürtellinie bleibt (im Gegensatz zu komplett versauten Serienumsetzungen berühmter Filme wie From Dusk Till Dawn) und oft durch die kleinen Dialoge über die Nebensächlichkeiten des Dorflebens entsteht (Er ist ständig krank? Was hat er, Krebs? - Ja, er hat Leukämie. - Oh.). Staffel 2 erscheint hier als eine Ausnahme, denn hier wurden die überzogenen Charaktere auf die Spitze getrieben: insbesondere die Ehefrau des Fleischers Ed, die wie ein Messi Friseurmagazine hortet, von Kalifornien träumt und ihrem Entführungsopfer leidenschaftlich in die Brust sticht sowie der Anwalt des Ortes, der als einziger Bewohner des Dorfs wirklich intelligent ist und deswegen ständig säuft, um über das Leben zu philosophieren, sind Extreme der Charakterzeichnung und funktionieren nur dank des exzellenten Casts, der aus A-Klasse-Darstellern wie Martin Freeman, Billy Bob Thornton, Bob Odenkirk, Kirsten Dunst, Ewan McGregor oder Ted Danson besteht und den Charakteren Leben einhaucht - sei es die Aura eines Irren, eines Dummen oder eines Pechvogels wie Lester, jeder der Figuren kauft man ihre Taten und Empfindungen zu 100 Prozent ab, und das ist verdammt selten. Das macht Fargo für mich wahrlich zu einer Event-Serie, die Inszenierung, die Darsteller und das Drehbuch machen jede Staffel zu einem eigenen Erlebnis.

FX/MGM/Netflix
Da ist es nur logisch, dass jede Staffel andere Akzente setzt. Und hierbei haben sich für mich insbesondere die ersten beiden als Goldstücke erwiesen: die erste Staffel kommt noch sehr nach dem Film, ist in Blautöne getaucht und nutzt viel eigens komponierte Musik, um die erzählte Geschichte zu untermalen. Staffel 2 behandelt eines meiner Lieblingsthemen im Film, die Mafia, in einem meiner Lieblingsjahrzehnte, den Siebzigern, nutzt dafür verstärkt Rot- und Brauntöne und umspielt das Geschehen mit Originalmusik jener Jahre, von Spirits I Got A Line On You bis zu Just Dropped In (To See What Condition My Condition Was In) von Kenny Rogers and the First Edition, welches ebenfalls essentieller Bestandteil eines weiteren Coen-Werks, nämlich The Big Lebowski, war. Die feinen Verbindungen, die zwischen den einzelnen Staffeln bestehen, sei es ein Film im Fernsehen, eine Nebenfigur oder die Erwähnung eines Ortes, lohnen ein mehrmaliges Anschauen und belohnen aufmerksame Zuseher mit wohligen Aha-Momenten. Aufgrund der abgeschlossenen Staffeln ist die Serie somit sowohl für Quereinsteiger als auch für die routinierten Fans überaus empfehlenswert. Auch die heuer erschienene dritte Staffel ist stark, fällt für mich im Rückblick jedoch in der zweiten Hälfte leicht ab, als die Finanzgeschichte von Ewan McGregors Charakter Emmit Stussy überhand nimmt - persönliche Präferenz, ich steh nicht wirklich auf Finanzthriller. Das Finale war dafür auch in der neuesten Staffel unglaublich stark und so bleibt der äußerst positive Gesamteindruck bestehen: wer Netflix hat, sollte sich Fargo baldmöglichst ansehen, denn spätestens mit dieser Serie ist wohl das wahre goldene Zeitalter des Fernsehens angebrochen. Tja, dann...

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