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Meat Loaf - Bat Out Of Hell

Epic

Wär die Fledermaus doch besser dort geblieben...

Ich als Fan des quasi seit dreißig Jahren ausgestorbenen, klassischen Progressive Rock muss dem Klischee nach wahrscheinlich ohnehin sehr geduldsam und tolerant sein - für viele da draußen sind ausufernde Epen wie Supper's Ready von Genesis lediglich 20-minütige Angebereien ach-so-begabter Musiker, die sich für etwas Besseres halten. Doch so gut wie allen von ihnen ist eines gegeben: das Talent zum Verfassen tiefsinniger, bissiger oder einfach nur herrlich absurder Songtexte, die stets eine gewisse Plausibilität bewahren können (glorreiche Ausnahme ist Rushs 2112, handwerklich nahezu perfekt, jedoch mit einem Songtext, der sich wie der Tagtraum eines Schwerpubertierenden liest).

Wie man es ganz sicher NICHT macht, wie man sämtlichen Vorbildern der Klassik und der Romantik, die der Prog hatte, wunderbar auf den Schlips tritt und Prog mit seinem vielleicht schlimmsten musikalischen Feind, dem Musical, zu einem prätentiösen Spektakel der Einfalt verbinden kann, um auch den letzten Resten Hirn, die sich zur Disco-Zeit im Radio tummelten, den Garaus zu machen, das bewiesen Michael "Meat Loaf" Aday und Musical-Komponist Jim Steinman eindrucksvoll auf dem 1977 erschienenen, in Schwarz gepressten und auf ewig in unerklärlichen Ruhm strahlenden Alptraum Bat Out Of Hell. Wär die Fledermaus doch besser im Fegefeuer verendet...

Zum Erscheinungstermin des Machwerks ist Meat Loaf bereits einige Jahre mit der Musikszene vertraut: 1971 erschien sein untergegangenes Debut Stoney & Meatloaf, eine Motown-Produktion, die in etwa wie eine Mischung aus den Temptations und Captain Beefheart klingt - say no more. Als Musicalsänger schafft er es sogar in die Filmumsetzung der Rocky Horror Show, ehe er an seinem Major-Debut feilt. Zunächst werden Meat Loaf und Steinman bei CBS für die Demos ausgelacht, Produzent Todd Rundgren möchte die Platte überhaupt nur deswegen produzieren, weil er sie für eine Parodie hält und der internationale Vertrieb Epic schüttelt den Kopf angesichts des grässlichen Endproduktes. Schlechte Vorzeichen für ein Album, oder? Tja... wieder einmal kommt der beste Song, die Hit-Single Bat Out Of Hell, an erster Stelle des Albums. Und die ist eigentlich wirklich nicht schlecht: über das Intro und die ersten zwei Strophen kann sich der Song schön aufbauen, ehe der Refrain einsetzt, welcher den Track vorantreibt und ihn immer näher an die Bombast-Grenze treibt, die von dem scheinbar retardierenden Motorradcrash, durch eine immer wieder abgewürgte Sologitarre verdeutlicht, womöglich noch weiter ausgereizt wird. Der Text um einen geheimnisvollen Biker, der bei einem Motorradunfall stirbt, liest sich auffallend ähnlich wie Grease II, ist jedoch als durchaus passabel zu bezeichnen, da er die Musik ehrlich gut begleitet und Meat Loaf die Möglichkeit bietet, seine Emotionalität, die man ihm ehrlich zugestehen muss, auszuspielen (besonders in der letzten Strophe, die von den letzten Momenten des sterbenden Bikers erzählt, kommt das Potenzial des Sängers voll zur Geltung).

Doch dann geht's reißend abwärts: You Took The Words Right Out Of My Mouth beginnt mit dem wahrscheinlich unnötigsten, flachsten, lächerlichsten Spoken-Word-Intro aller Zeiten, das sich um genau nichts dreht (wobei das gehauchte yes... von Marcia McClain mich zumindest äußerst angenehm an Kate Bushs The Sensual World erinnert, wobei ich eine Inspiration gaaaanz stark bezweifeln darf, da das yes von La Bush auf Joyce basiert), bevor eine Grease-Beauty-School-Dropout-und-Saaaandy, oooh Saaaandy-mäßige Kitschmelodie den Song gänzlich in den Abgrund führt, in dem der Rest der Platte dann auch verbleiben wird. Die Songlyrics verbleiben ewig auf dem Niveau triebgesteuerter Highschool-Freaks (we were seventeen and we were barely dressed) und die musikalische Umsetzung mit dem grässlichen Pathos eines Andrew-Lloyd-Webber-Musicals, den auf Bombast getrimmten Drums und Gitarren, die die lächerlichsten Songzeilen kraftvoll und bedeutsam wirken lassen möchten (Die Zeile we're gonna go all the way tonight wird auch mit mit dem auf Drama getrimmten Duettgesang nicht bedeutsam!), geben Bat Out Of Hell den Todesstoß. Und wenn es im Finale der Platte - wie üblich völlig sinnentleert und total lächerlich - heißt: Open up the sky and let the planet that I love shine through, dann kann ich nur mehr sagen: verbannt die Platte auf diesen Planeten - jetzt und für alle Zeit. Wie das Ding zu einem der bestverkauften Alben aller Zeiten wurde und heute obendrein als eines der besten gilt, kann ich einfach nicht begreifen.

1/5. Tut es euch nicht an. Dann eher noch Thriller.

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