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Ferris macht blau (1986): Parodie und Perfektion eines ganzen Genres

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Wenn du erwachsen wirst, stirbt dein Herz. So ziemlich jeder im Alter zwischen 15 und 40 Jahren dürfte mit John Hughes' The Breakfast Club vertraut sein. Der Film über grundverschiedene Teenager, die beim gemeinsamen Nachsitzen viel über die Anderen, über Empathie und über das Leben an und für sich lernen, ist bis heute der wohl berühmteste Vertreter der 80er-Jahre-Teeniefilmwelle, die mit den National Lampoon-Komödien ihren Ausgang nahm und von Hughes Mitte des Jahrzehnts auf ein ganz neues, tiefgründigeres Level gehoben wurde. Legte er mit Sixteen Candles und The Breakfast Club bereits zwei außerordentlich gelungene Genrevertreter vor, so sollte er die Welle 1986 auf ihren Höhepunkt und gleichzeitig ad absurdum führen - denn im Jahr von Sledgehammer und Top Gun erschien mit Ferris macht blau der wohl tiefgründigste, intelligenteste und gleichzeitig lustigste Teenie-Film der Filmgeschichte.

Matthew Broderick liegt krank im Bett und seine Filmeltern sind schockiert - ein ziemlich typischer Anfang für einen solchen Film. In Großaufnahme wird das Gesicht von Ferris Bueller gezeigt, der ganz offensichtlich nicht dazu fähig ist, heute in die Schule zu gehen. Seine Eltern - ganz klassische Yuppies - verabschieden sich liebevoll von ihm und verlassen das Haus. Sie haben's geschluckt: was jetzt folgt, sind die ersten Stilbrüche, die bereits so gewaltig sind, dass auch dem letzten Zuseher klar wird, hier nicht einfach nur einen Standard-Teeniefilm über das Schule schwänzen zu bekommen. So offensichtlich habe ich die 80er-Popkultur noch nie in einem Genrevertreter gesehen wie hier, werden doch sofort nach der Abfahrt der Eltern das MTV-Logo und Tears for Fears-Plakate eingeblendet, die teuersten Geräte jener Zeit wie eine Carver-Luxusstereoanlage, ein IBM PC XT und eine White Falcon-Gitarre von Gretsch sind nur drei der extrem teuren Gerätschaften in Ferris' Zimmer, das ansonsten wie ein ganz normales Teenie-Zimmer aussieht. Irgendetwas stimmt hier nicht - und dann durchbricht der Film erstmals die vierte Wand:

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Der Protagonist gibt seinem Publikum Tipps zum Austricksen der eigenen Eltern - ein solcher Bruch mit dem Format war damals im Teenagerfilm durchaus unüblich. Spätestens in der Szene, in der Ferris aus der Dusche steigt und anfängt, den Zuschauern Tipps wie -ismen sind meiner Meinung nach nicht gut gibt und das Ganze vom Lamentieren über das Fehlen eines eigenen Autos zu philosophischen Grundsätzen über den Glauben an sich selbst und politische Ideologien führt, während er unter der Dusche Wayne Newtons Danke Schoen zum Besten gibt, wird klar, dass Ferris macht blau nicht nur als wirklich tiefgehende Motivation für krisengeschüttelte Jugendliche, sondern gleichzeitig auch als vollkommen überdrehte Parodie John Hughes auf seine eigenen vorherigen Filme verstanden werden kann und sollte. Sämtliche Hauptpersonen frönen dem berühmt-berüchtigten Hedonismus der 80er-Jahre, denn auch Ferris' Freund Cameron (Alan Ruck) genießt den Luxus solcher Gadgets wie eines Freisprechtelefons, kabelloser Stereoanlagen und damals modernster Innenausstattung. Der Wagen von seinem tyrannischen Vater, mit dem Ferris, seine Freundin Sloane (Mia Sara, der man die italienische Abstammung einfach sofort ansieht) sowie Cameron schließlich nach Chicago fahren, um dem Titel entsprechend blau zu machen, ist passenderweise ein Ferrari 250 GT Spyder California, von dem (in der im Film gezeigten Ausführung) genau 55 Stück gebaut wurden. Es ist erstaunlich, dass die Charaktere durch all den Luxus, der sie umgibt, trotzdem nie die Bindung zum großen Publikum verlieren und ihre Message klar verständlich durchscheint.

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Doch bevor es überhaupt nach Chicago geht, wird erst mal die Schule, die Ferris besucht (wenn er sie besucht!), vorgestellt: diese ist eine eher gewöhnliche High School, wie sie in den 80ern wohl so war, doch mit einer Ausnahme: Ferris ist nämlich sowas wie ein Idol der ganzen Schule, Held der Stadt sogar. Als die Bewohner von Ferris' "Krankheit" Wind bekommen, versinken alle in tiefstes Bedauern, es werden Spendenaktionen für ihn gestartet und am Wasserturm prangt plötzlich die riesige Aufschrift Save Ferris! Und dabei ist es noch nicht mal 10 Uhr. Kurzum: die Idealisierung fremder Charaktertypen, von der Hughes' frühere Filme sich distanzierten und die Teenager vom Gegenteil zu überzeugen versuchten, ist hier wirklich im allerextremsten, übertriebensten Maße gegeben. Der Film treibt die Vergötterung von Ferris wirklich auf die absolute Spitze und das anzusehen, ist ein Hochgenuss. Denn Ferris tut nichts anderes als einfach er selbst zu sein und sein Leben zu genießen. Dass eine ganze Stadt ihm nachzueifern versucht, ohne dabei die eigenen Persönlichkeiten in den Mittelpunkt zu rücken und einfach man selbst zu sein, ist wirklich eine böse, böse Darstellung des typischen Star-Kultes, der ja besonders bei Teenagern bis heute anhält. Und dann wäre da noch der Direktor, dessen Handeln nicht mehr rational begründbar ist - er ist im Grunde eine absolut faschistoide Figur, die nur eines möchte: Ferris beim Schuleschwänzen erwischen und ihm seine Zukunft zerstören. Im Ernst, er lässt Sprüche wie [ich muss ihn erwischen], um ihnen zu zeigen, dass sein Verhalten eine Fahrkarte nach Nirgendwo ist! vom Zaun und wird dabei nicht einmal mehr von seiner Sekretärin Grace ernst genommen. Seine Besessenheit von Ferris geht sogar so weit, dass er im Verlauf des Films in das Haus der Buellers einbricht, nur um dort von Ferris' Schwester Jeanie (Jennifer Gray) k.o. geschlagen zu werden. Doch kommen wir zur Haupthandlung sowie deren Lehren:

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Die drei Ausreißer fahren also nach Chicago, um dort für einen Tag alle Sorgen zu vergessen: mit allerlei Tricks gelangen sie in ein Nobelrestaurant, besuchen Kunstgalerien, besuchen eine Straßenparade (auf der Ferris auch in einer legendär gewordenen Massenszene den Beatles-Song Twist and Shout zum Besten geben darf, ein Hochgenuss!) und sehen sich im Stadion ein Baseballspiel an - all das, während sie den Eltern von Ferris und Cameron sowie den Augen ihres Schuldirektors, der in einer Bar das Baseballmatch sieht, entgehen müssen. Puh! Während sie durch die Stadt ziehen, vertrauen sie den Ferrari einem Angestellten des Parkhauses in der Stadt an, welcher prompt mit einem Freund ebenfalls eine Spritztour in dem seltenen Luxuswagen unternimmt - ohne das Wissen des Trios, versteht sich. Eine wichtige Figur ist  dabei Cameron, der stets Angst vor seinem Vater haben muss und dem sämtlicher Lebens- und Genusswille ausgeprügelt worden zu sein scheint. Er ist es auch, der bei allen Unternehmungen (etwa beim Hineinkommen in das Luxuslokal) Angst bekommt und die Konsequenzen fürchtet, während sich vor allem Ferris relativ bedenkenlos ins Vergnügen stürzt. Doch letzten Endes initiiert Brodericks Charakter den wohl gelungensten und überraschendsten Flashmob der Filmgeschichte einzig und allein deswegen, weil er seinem Freund etwas sagen möchte. Er möchte ihm sagen, dass er seine Zeit genießen soll. Cameron soll am eigenen Leib erfahren, was für Freuden im Leben auf ihn warten können, wenn er einfach nur er selbst ist und ohne viel nachzudenken auf den Putz hauen kann. Leider wird dies Cameron erst nach einem Schockanfall, den er bekommt, als er feststellt, dass der Kilometerstand des Ferrari nicht mehr stimmt, bewusst und er realisiert, dass er anfangen muss zu leben, dem gefürchteten Vater auf Augenhöhe begegnen und seinen Platz in der Welt ergründen muss. Und trotz all der parodistischen Extreme, die letzten Endes auch den Film ausmachen, scheinen diese Botschaften am Ende klar durch: Sei du selbst. Sei selbstbewusst. Habe Spaß. Die Natürlichkeit, mit der diese Lebensphilosophie transportiert wird (kein so gekünsteltes Szenario wie im trotzdem sehr gelungenen Breakfast Club; kein Kitsch wie noch in Sixteen Candles), macht Ferris macht blau für mich zum bis heute unangefochtenen König des Teenie-Kinos.

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Dann wäre da natürlich noch der Cast: neben den bereits erwähnten Broderick, Ruck, Sara und Grey sind der gemeinhin für seine Rollen als Kaiser Joseph II in Amadeus und als Journalist Merrick in der Serie Deadwood bekannte Jeffrey Jones als Schuldirektor Ed Rooney, Charlie Sheen als Junkie, der auf dem Polizeirevier Ferris' Schwester kurz und bündig den Sinn des Lebens erklärt sowie Cindy Pickett (Deep Star Six; Nebenrollen in nahezu allen Krimiserien der letzten dreißig Jahre, zuletzt etwa in The Mentalist) als Mrs. Bueller zu sehen. Der Soundtrack ist ebenfalls nicht zu verachten: neben Klassikern wie Twist and Shout sind vor allem eher unbekannte Nischenbands der 80er zu hören - abgesehen von Yello (Oh Yeah) und Sigue Sigue Sputnik (Love Missile F1-11) ist kaum eine wirklich bekannte Band jenes Jahrzehnts im Soundtrack vertreten. Dafür wirken die Beiträge der Fowerpot Men, von Zapp oder auch von Big Audio Dynamite selten unverbraucht und sind mit viel Liebe ausgewählt worden - schade, dass der Regisseur die Veröffentlichung eines Soundtrack-Albums stets ablehnte und sich auch seit seinem frühen Tod im Jahre 2009 nichts in der Richtung getan hat. Kameratechnisch gibt es einige sehr schöne Aufnahmen von Chicago und vom Ferrari, die teilweise wiederum berühmte Filme (Star Wars) zitieren, zu bewundern und auch die Spiellänge von etwa 100 Minuten ist für einen Film dieser Art genau richtig. Im Großen und Ganzen gefällt mir Ferris macht blau ganz außerordentlich, zeigt sich der Regisseur gleichzeitig als meisterhafter Versteher jugendlicher Probleme sowie als selten genialer Parodist eines ganzen Jahrzehnts und seiner Ausmaße. Ferris macht blau ist großes, für sein Genre selten intelligentes Kino mit verdammt hohem Wiedersehwert. Erneute Höchstwertung.

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Kommentare

  1. Super :D
    Die Achtziger waren wirklich was Besonderes! Und was manche Väter angeht... Ein genauer Blick auf die heute!!! Reicht.

    Weiter so ;-)

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  2. Nichts zu danken lieber Maximilian! Du hast das einfach super geschrieben!

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