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John Wayne auf der Reise in sein Innerstes: Der schwarze Falke (1956)


Allgemein sagt man, das Genre des Spätwestern, der den Mythos vom weißen Mann, der den unkultivierten Ureinwohnern des gerade erschlossenen Westen der USA beibringt, wo der Hammer hängt, endgültig zu Grabe tragen sollte, sei in den 1960er-Jahren entstanden, als Western wie Der Mann, der Liberty Valance erschoss, Sam Peckinpahs The Wild Bunch - Sie kannten kein Gesetz oder Sergio Leones Dollar-Filme über die Leinwand flimmerten und den Ton für die Entwicklung des Genres angeben sollten. Doch manch einer beziffert den Anfang dieses Paradigmenwechsels innerhalb des wohl amerikanischsten Filmgenres bereits auf das Jahr 1956 - auf jenes Jahr nämlich, da John Ford mit seinem Stammschauspieler John Wayne den Roman The Searchers verfilmte und dabei - so sagt man - von der Schwarz-Weiß-Schematik des Western endgültig abwich und das Genre als Spielfläche für eine tiefgründig angelegte Charakterstudie nutzte. 

John Wayne verkörpert diesmal den heimgekehrten Ethan Edwards, der drei Jahre nach dem Ende des Sezessionskrieges auf die Farm seines Bruders kommt. Was er in den drei Jahren dazwischen gemacht hat, bleibt unklar, jedoch wird angedeutet, dass er ein ziemlich düsteres Leben geführt hat (Auf dich passen viele Steckbriefe.). Der Adoptivsohn der Familie ist zu einem Achtel Indianer, was Waynes Charakter bei der ersten Gelegenheit schon sauer aufstößt (Du siehst ja fast schon wie ein Halbblut aus) und somit in den ersten zehn Filmminuten bereits den Charakter des Ethan Edwards formt - er ist im Wesentlichen ein verbitterter Rassist, der nach wie vor an den Südstaaten festhält. Gut, das kann man dem Film eigentlich nicht zum Vorwurf machen, denn 1868 dürfte der typische Texaner in etwa diesem Charakter entsprochen haben. Zudem im Lauf des Films immer wieder Kritik an dieser konservativen Ideologie ersichtlich wird. Was man dem Film dabei jedoch leider ankreiden muss, ist die Unentschlossenheit der Regie, diese Kritik zu inszenieren. Doch erst mal der Reihe nach...

Warner Bros.
Die Handlung setzt ein, als der Nachbarfarmer Jorgensen meldet, dass ihm von den Comanchen Vieh gestohlen wurde. Schnell findet sich ein Trupp, der dem gestohlenen Vieh nachspürt. Der Diebstahl war jedoch eine Falle des Indianerstammes, der während der Abwesenheit der männlichen Familienmitglieder den Hof von Edwards' Bruder abfackelt, die Frauen tötet und die Mädchen verschleppt - alles, was John Wayne und sein Begleiter Martin (der Adoptivsohn) finden, sind die Puppe von Deborah und der Quotenhund Chris. Was bereits auf dem Weg zum vermeintlich geklauten Vieh an Fords Film sehr positiv auffällt, das sind die gigantischen (wirklich: gigantischen) Landschaftsaufnahmen des Monument Valley - wenn es einen Star im Film gibt, dann ist das der sandige Wüstenboden, dann sind das die Tafelberge, die den Hintergrund dominieren und in deren Schatten die Figur des Ethan Edwards immer mehr dem Wahnsinn verfällt. Als er etwa gemeinsam mit ein paar Leuten nach Deborah sucht und dabei an einer provisorischen Grabstätte für einen gefallenen Comanchen vorbeikommt, lässt er sie öffnen und schießt der Leiche beide Augen aus - Nach dem Glauben der Comanchen geht er nicht in die ewigen Jagdgründe ein, wenn er keine Augen mehr hat. Da muss er ewig zwischen den Winden wandern. Sätze wie dieser erscheinen heutzutage einfach wirklich, wirklich unbequem und darin liegt auch eine große Schwäche des Filmes - im Gegensatz zu einem Werk wie Die glorreichen Sieben oder dem späteren Django bleibt Waynes engstirniger Rassismus weitestgehend ohne irgendeine filmische Konsequenz - letzten Endes ist Ethan Edwards für Ford sogar der Charakter, den man am ehesten als Sympathieträger des Filmes im Hinterkopf behält.

Warner Bros.
Das soll jetzt nicht bedeuten, dass ich ein Problem mit dem Konservativismus alter amerikanischer Western hätte - sie sind nun einmal ein Produkt ihrer Zeit und da ist es klar, dass die Ureinwohner in Genrevertretern wie Der große Treck als mordlüsterne Bestien dargestellt werden. Womit ich jedoch ein Problem habe, und zwar ein gewaltiges, ist die Scheu vor filmischer Konsequenz, die Skrupel davor, traditionelle Rollenbilder wirklich zur Gänze zu durchbrechen und zu kritisieren, wenn einmal damit angefangen wurde. John Ford hat schließlich nicht umsonst Szenen gedreht, in denen sich teilhabende Nebencharaktere entsetzt vom Treiben des John Wayne abwenden - beispielsweise, als die Gruppe an einem Fluss von Comanchen überfallen wird und Waynes Charakter auch noch weiter wie wild auf die Angreifer schießt, als diese sich bereits zurückziehen, und der Priester ihn am Arm packt mit den Worten Hör endlich auf! Lass sie ihre Toten aufsammeln. Dass Ethan Edwards jedoch trotz allem - auch trotz der Tatsache, dass er seine gefundene Nichte zunächst erschießen wollte, denn selbst Sterben ist besser, als mit den Indianern leben zu müssen - am Schluss des Films fröhlich ein Indianerdorf auseinanderballern darf und seine Nichte wohlerhalten bei den Jorgensens abliefert, schmerzt. Denn die angedeuteten Reaktionen auf Edwards' extremes Verhalten hätten es verdient, noch genauer thematisiert zu werden und in einem folgenschwereren Ende zu gipfeln als einem klassichen US-Western-Showdown. Wenn etwa Henry Fonda am Ende von Spiel mir das Lied vom Tod tot in den Sand fliegt, nachdem er erkannt hat, wer ihn da jetzt wirklich gejagt, gefunden und getötet hatte, so ist das für mich eine logische Konsequenz seines zuvor gezeigten gierigen, selbstsüchtigen und zutiefst verwerflichen Handelns. Auch den Sieg des Bösen wie in Corbuccis Leichen pflastern seinen Weg kann Fords Film nicht darstellen, dazu ist die letzte Einstellung, in der John Wayne seinen Hut zurechtrückt, sich umdreht und nachdenklich aus dem Bild marschiert, wiederum zu bedeutungsschwer, zu zerrissen im Gesamtkontext des Filmes. Die Intention der Regie ist sehr lobenswert. Doch die Frage ist, ob diese Intention wirklich beabsichtigt war oder eher nebenbei in den Film gewoben wurde. Und diese wichtige Antwort bleibt John Ford uns schuldig.

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Der schwarze Falke ist ein zweischneidiges Schwert: einerseits ist da der typische Südstaatenkämpfer, der gegen die Rothäute kämpfen muss und am Schluss Erfolg hat. Andererseits finden sich viele Szenen, in denen klar wird, dass Ethan Edwards kein Held ist, sein Handeln schreckt die Menschen um ihn ab, er hält nach wie vor an antiquierten Werten fest und ist ein zutiefst einsamer Mensch - seine Blicke in die Ferne der Wüste sprechen mehr, als es tausend Worte jemals könnten. Technisch bietet Fords Film genau das richtige Gewand für eine schlüssige Läuterung seines Protagonisten - oder für seinen Untergang. Die Läuterung, die John Waynes Figur in den letzten zehn Minuten erfährt, ist jedoch zu plötzlich, sie wird weder erklärt noch vom Rest der Besetzung merklich wahrgenommen. Hier hätten einige zusätzliche Szenen dem Film sehr gut getan, um die Atmosphäre wirklich glaubhaft zu halten. Es ist durchaus möglich, dass der Spätwestern mit Der schwarze Falke begann. Doch nicht umsonst wird er im Zusammenhang mit Vertretern wie The Wild Bunch so gut wie nie genannt. 3/5

Kommentare

  1. Super geschrieben :D
    der Quotenhund gefällt mir aber fast besser als die etwas düstere Handlung...

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