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Von einem, der auszog, das Menschsein zu lernen: Der Texaner (1976)

Warner Bros.

1976 war der Western in seiner klassischen Form bereits lange tot. Subgenres wie der Spätwestern oder auch der Antiwestern waren mit Filmen wie The Wild Bunch – sie kannten kein Gesetz und Leichen pflastern seinen Weg im Kollektivbewusstsein deutlich lebendiger als die Schwarz/Weiß-Schemata der John-Wayne-Filme. Als Clint Eastwood sich nach dem persönlichen Rausschmiss des ursprünglichen Regisseurs Philip Kaufman (Die Körperfresser kommen, 1977) auf den Regiestuhl setzte, drehte er einen Film, der es zuweilen meisterhaft versteht, Elemente des klassischen Western und des Antiwesterns zu vereinen – dabei beginnt hier alles eigentlich ganz klassisch…

Der Farmer Josey Wales wird am Anfang des US-amerikanischen Bürgerkrieges von Guerillas der Nordstaaten überfallen, wobei er seine Farm und seine gesamte Familie im Feuer verliert. Daraufhin schwört Wales Rache. Bereits in der darauffolgenden Szene kommt es zum ersten Erwartungsbruch, denn der Held des Filmes muss zunächst aufgrund mangelnder Waffenerfahrung Schießübungen auf seinem Feld machen – ein Gegenentwurf zum stets gewappneten John Wayne der 50er Jahre. Er schließt sich Südstaatenguerillas an und zieht mit ihnen mordend durch die Lande. Hierbei – die Rede ist vom Vorspann des Filmes – kommt durch die Inszenierung ein bitterer Zynismus zum Tragen, denn während eine fröhliche Musik (die genauso gut aus Vierzig Wagen westwärts stammen könnte) ertönt, werden Bilder von Erhängungen und  sinnlosem Geballer auf Tiere gezeigt – das Bild ist mit einem blauen Filter unterlegt, denn Blau wirkt auf den Betrachter kalt, im Englischen steht „blue“ auch für Trauer und Sehnsucht, gewissermaßen also ein Vorausblick auf die kommenden Ereignisse.

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Am Ende des Krieges erhalten die Südstaatler Amnestie, doch bei der Abgabe ihrer Waffen werden sie hinterrücks angegriffen. Josey schafft es, den Großteil der Nordstaatler zu erschießen. Diese Szene wurde von Kameramann Bruce Surtees sehr überzeugend eingefangen, denn als Josey den Beginn des Angriffes von einem nahen Felsen aus beobachtet, ertönt ein dramatischer kurzer Klang, die Kamera zoomt ganz nah an sein Gesicht heran – er erkennt die Gefahr. Er handelt in bester Italowestern-Manier: Er schleicht sich heran, erledigt die ersten Kämpfer bereits mit seiner Pistole, nur um dann von einer kleinen, überdachten Kutsche aus mit einem Maschinengewehr um sich zu schießen – eine deutliche Anspielung auf den Überfall des mexikanischen Forts in Sergio Corbuccis DjangoAnschließend schafft Josey es, mit einem jungen Begleiter zu fliehen. Ihre Reise wechselt fließend zwischen epischen Kameratotalen und dramatischen Kampfgeschehen. Hierbei kommt ein weiterer Bruch mit dem klassischen Western zum Tragen: Josey Wales ist ein listiger, oft auch etwas hinterhältiger Zeitgenosse (so verstecken sich die beiden, in dem sie ihre Pferde auf den Boden legen und sich danebenlegen, um den Anschein zu erwecken, sie seien bereits tot). Doch – wie in der Szene bei der Flussüberfahrt erkennbar – die Zivilbevölkerung vertraut ihm quasi anstandslos. Hier ist auch ein Vergleich mit den Helden des Mittelalters nicht weit hergeholt, war doch beispielsweise Siegfried von den Nibelungen genauso ein Held, dem man einfach vertraute. Zudem spielt der Film genauso in einer vom Krieg zerrütteten Zeit, in der jeder letzten Endes für sich alleine lebt.

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Bald darauf kommt jedoch die erste wirkliche politische Botschaft zum Vorschein: Als Joseys Begleiter erschossen wird, kann Josey in ein nahes Indianerreservat fliehen, wo sich ihm ein alter Indianerhäuptling anschließt. War doch das Bild der Ureinwohner in den ersten Jahren des Western eher negativ besetzt (in Der große Treck mit John Wayne muss sich der Treckführer beispielsweise gegen Überfälle durch und durch durchtriebener, mordlüsterner Ureinwohner behaupten), geschieht hier eine Übereinkunft, ja Partnerschaft zwischen dem weißen Farmer und dem alten Häuptling. Später werden die politischen Botschaften des Filmes noch ausgebaut werden. Nachdem dieses ungleiche Team auch noch eine Squaw vor der Vergewaltigung bewahrt hat, ziehen die drei weiter nach Texas. Als sie eine Familie vor einem Überfall bewahren, wird abermals ein komödiantisches Abkehren von alten Bildern deutlich, denn bevor Josey eingreift, beobachtet er mit Genuss eine versuchte Vergewaltigung der Tochter der Familie. Nachdem die Familie schließlich doch befreit wurde, wird Josey zur alten Ranch der Familie geführt, wo sich die Bande niederlässt. Als Josey auch noch - diplomatisch bis zum Ende – einem örtlichen Ureinwohner und dessen Stamm entgegenreitet, entsteht aus der Verhandlungen ein bedeutungsschwer inszenierter Monolog über die Methoden der amerikanischen Regierung und über die Sinnlosigkeit des Krieges – der Film erschien nicht zufällig im Jahr nach der Zerschlagung der Republik Vietnam. Und während die Bewohner der nahen Stadt auf der Ranch den diplomatischen Erfolg Joseys feiern, wird bereits ein subtiles Gefühl der Gefahr aufgebaut: Von unten aus filmt die Kamera mehrere Männer, die bei schwarzem Himmel in das Dorf kommen und nach Josey Wales fragen. Ein unheilvoller Shot von Joseys Aufenthaltsort blitzt kurz auf – Wir werden ihm einen Besuch abstatten. Am nächsten Morgen wacht Josey überraschend früh auf. Nach einem dramatischen Abschiedswort zum Häuptling reitet Josey zum Flussbett, wo ihm eine kleine Armee entgegenkommt. Wo der Westernfan nun eine Ein-Mann-Schießerei erwarten könnte, erhält Josey jedoch ganz untypisch Hilfe von seinen Begleiter, die durch die kreuzförmigen Fensteröffnungen der Ranch schießen – eine Kritik an der Kirche, die ihren Glauben immer wieder als Deckmantel für brutalste Kriege verwendete.

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Motive wie die sonderbare, eher schweigsame junge Frau, die sich aber im Kampf als Naturtalent herausstellt, wurden später auch beispielsweise in der Science-Fiction-Serie Firefly – Der Aufbruch der Serenity verwendet, welche auch sonst voll von Westernelementen war. Nach dem Kampf geht es wieder in eher klassische Gefilde zurück, muss doch der Anführer dieser Armee noch verfolgt werden – eingefangen in epischen Totalen. Das Duell gegen den Anführer wirkt wie eine zynische Westernparodie, denn während Josey ihm gegenübersteht, setzt die Kamera genüsslich die sogenannte „Italienische Totale“ ein, die vor allem durch die Dollar-Trilogie Berühmtheit erlangte, nur um anschließend einen Josey Wales zu zeigen, der spielerisch seine Waffen nachlädt (während er die Geschehnisse auf seiner Farm wieder vor sich sieht), bevor er seinen Opponenten mit dessen eigenem Degen ersticht. Hier gelang Eastwood auch eine Heroisierung seiner Figur, denn nichts im Western ist unehrenhafter, als durch seine eigene Waffe gerichtet zu werden. Im Ort suchen zwei US-Marshals nach Wales, dieser wird von den Einwohnern gedeckt, die sich – wie von einer Legende – erzählen, wie Josey Wales im tapferen Kampf getötet wurde, wobei im Grundton dieser melancholisch-verklärten Erzählung Parallelen zum Ende von Hemingways „Der alte Mann und das Meer“. Josey verlässt den Saloon, um seinem endgültigen Ziel Fletcher gegenüberzustehen. Fletcher spricht ihn mit „Mr. Wilson“ (der Name, mit dem ihn auch die Leute im Saloon ansprachen) an, und antwortet auf die Frage, was er jetzt tun werde, dass er selbst nach Mexiko reiten werde, um Wales vom Ende des Krieges zu überzeugen. In diesem Moment fährt die Kamera auf das Blut, das auf Joseys Schuh tropft – Fletcher hat just in diesem Moment erkannt, wer ihm da wirklich gegenübersteht – und es folgt der Satz: Ich werde Wales den ersten Zug lassen, ich schulde ihm das. Der letzte Satz des Films lautet schließlich: Wir sind alle ein bisschen im Krieg gestorben. Der Film endet somit für einen Western ungewohnt nachdenklich, alle Beteiligten mussten erkennen, dass nun andere Werte als der sinnlose Konflikt zweier Parteien im Vordergrund stehen. Die letzte Einstellung zeigt dafür ganz typisch für einen Western den Helden, der gen Sonnenuntergang reitet – möglicherweise ist also doch noch nicht endgültig Schluss mit alten Werten…

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Der Texaner ist ein auf viele Arten brillant unterhaltender Western, der viel Altbewährtes übernimmt, parodiert und auch komplett über den Haufen wirft. Beispielsweise wird der Westernheld, der so taff ist, dass er dauernd Tabak kauen und ausspucken muss, grandios übertrieben dargestellt und auch von der Zivilbevölkerung entsprechend kommentiert (Was bilden Sie sich ein, junger Mann?). Ebenso fehlen zusätzliche Konflikte mit alten Freunden (wie beispielsweise in Satan der Rache, in dem der Protagonist nach zehn Jahren im Steinbruch grausame Rache begeht), dafür werden auch viele Elemente und Erwartungen an Filme des klassischen Western übernommen: Es gibt viel Action, die Kameraführung zeigt auch mal die einsame Prärie und die Zivilbevölkerung steht großteils hinter dem Protagonisten. Doch viele der Charaktere lassen sich in kein Schema pressen, vielmehr besteht der Film zum guten Teil aus zwielichtigen Figuren, die alle irgendwie vorbelastet sind und auch unberechenbar handeln. Sowohl Fletcher als auch Josey Wales sind doch letzten Endes zwei Relikte des Krieges, die nach tragischen Verlusten einsehen müssen, dass es so nicht mehr weiter gehen kann. Zuvor war aus Wales ein gnadenloser Pistolero geworden, der stets mit einem Ziel vor Augen loszog, um überhaupt so gnadenlos zu werden. Und das schlussendlich für – was eigentlich? Die Tatsache, dass er mordend loszog, nur um sein Ziel am Ende nach der Erkenntnis des Kriegsendes ziehen zu lassen, ist abermals eine überaus drastische  Ansage gegen Kriege und die Politik der USA. Diese Botschaft wurde zuvor jedoch ins Komische überzogen, war doch der Monolog Joseys nur allzu kitschig, zumal er wenige Momente später ohnehin in einem Bleiexzess revidiert wurde.

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Clint Eastwood  gelang 1976 mit Der Texaner ein wahrlich brillantes Stück Westernkino, das die Geschichte des Genres auf grandiose Weise auseinanderlegt und ganz nach eigenem Willen neu zusammensetzt sowie in Frage stellt, was zu meiner Einstufung als Antiwestern führt, da diese Vorgehensweise für jenes Genre einfach so typisch war, wie man an berühmten Beispielen wie Erbarmungslos (ebenfalls von und mit Clint Eastwood), Django, Das Wiegenlied vom Totschlag oder den so grandiosen Leichen pflastern seinen Weg ebenfalls sehen kann.Wahrhaftig ein zeitloser Film, der völlig zurecht als einer der besten Western aller Zeiten gehandelt wird.

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