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David Bowie - Scary Monsters (...and Super Creeps)

RCA
David Bowie war zeit seines Lebens - und insbesondere während der Siebziger Jahre, in denen er künstlerisch auf dem absoluten Zenit war - damit beschäftigt, sich ständig neu zu erfinden. Von Ziggy Stardust angefangen, sollte man ihn bis 1979 noch als Aladdin Sane, Halloween Jack, den Thin White Duke und schließlich als eine Art frühen New Wave-Propheten mit dem Hang zu Industrial und World Music erleben. Und so lautete 1980, vor Veröffentlichung seines vierzehnten Studioalbums, welches den Titel Scary Monsters (and Super Creeps) tragen sollte, die berechtigte Frage: Wer ist Bowie diesmal? Was kann man sich von diesem Typen eigentlich nicht mehr erwarten? Die Antwort ist vor allem eines: laut.

Und das ist nur gut so: mag Diamond Dogs noch so sehr Bowies Protestalbum gewesen sein, eine musikalische Hommage an George Orwell unter dem Motto this ain't rock 'n' roll, this is genocide!, so herrscht auf Scary Monsters deutlicher als jemals davor bei Bowie das Laute, die Aggression und Schwärze des Post-Punk. Es beginnt schon herrlich mit einem japanisch gesprochenen Intro zum Opener It's no Game (Part 1), das meilenweit von der Art Schräge, wie man sie im Vorjahr noch auf Lodger erleben durfte - einer verspielten, oftmals ziemlich lustigen Schräge, die man schon fast als britische Exzentrik abtun könnte - entfernt ist. Die Schrägheiten von Scary Monsters sorgen für Verwirrung, sie verunsichern und bedrängen jeden, der ihnen begegnet. Aber dazu später mehr. Nach dem Opener, der in umgekehrter, ruhiger, balladesker Form die Platte auch beschließen wird, schwirrt mit Up The Hill Backwards einer der persönlichsten Songs Bowies über den Plattenteller, in den man gleichzeitig eine Menge hineininterpretieren kann - seine damals aktuelle Scheidung von seiner Frau Angela (the vacuum created by the arrival of freedom), Krisen im Allgemeinen (A series of shocks), Personenkulte... textlich geben diese drei Minuten Musik ungemein viel her und musikalisch ohnehin, so kommt der Song in einem eher gemächlichen Tempo daher und offenbart seine Vielschichtigkeit erst über gute Kopfhörer - besonders im Refrain passiert zwischen den Drums und dem Bass, die wild inmitten der beiden Kanäle hin- und herzufliegen scheinen - dear scholars, here's how to write a song about emotional insecurities! Phänomenaler Art Rock, der live wohl gigantisch gewesen sein muss.

Der Titelsong schlägt in eine ähnliche Kerbe, erzählt jedoch konkret die Geschichte einer Frau, die wegen irgendwelcher Unzulänglichkeiten von ihrem Umfeld in den Wahnsinn (und womöglich auch in die Prostitution) getrieben wird - now she's stupid in the street and she can't socialise ist hier einer dieser magic moments, ein Satz, der in seiner herablassenden Perspektive und in seinen drastischen Bildern eigentlich ALLES sagt. Musikalisch ist das wie gesagt dem vorangegangenen Track sehr ähnlich, mutet jedoch etwas rauher und punkiger an - klarer Fall von This album was mastered to be played loud! Nun folgen die beiden tanzbarsten Songs, die der Platte auch die Erfolgssingles einbrachten - Ashes to Ashes dabei verspielter New Wave, der vor allem durch sein unglaubliches, 1980 bahnbrechendes Musikvideo Berühmtheit erlangte und weltweit in die Charts kam, auf die früheren Zeiten Bowies zurückblickend und auf das Schicksal von Space Odditys Major Tom Bezug nehmend. Vollkommen zurecht ein großer Klassiker, wenn auch nicht mein Lieblingssong von David Bowie, dazu ist er mir etwas zu sehr nach Talking Heads-Mustern gestrickt. Dem Titel "Lieblingssong" schon etwas näher kommt Fashion, ein herrlich harter Funkrock-Brocken, der sich entweder mit den Zwängen von Trends oder dem Faschismus befasst - ersteres erscheint mir wahrscheinlicher, doch die erwähnten goon squads waren nicht gerade Blumenverkäufer... was mir persönlich hier auf den CD-Fassungen fehlt, ist der besonders militärisch wirkende Pitch des Refrains, entweder ist die Geschwindigkeit des Plattenspielers nicht ganz astrein oder es wurde wieder einmal schlecht remastered. Auch sehr markant ist das immer wieder vorkommende beep beep Bowies, das noch aus einem unveröffentlichten The Man Who Sold The World-Song stammen soll.

Die zweite Seite startet gleich mit einer Art zweiten "Heroes", dem Teenage Wildlife, das über die New-Wave-Nachahmer Bowies herzieht (Same old thing in brand-new drag). Hier ist wieder einmal Gitarrist Robert Fripp, der seinen göttlichen Sound schon zu Peter Gabriels ersten drei Soloplatten beigesteuert hatte. Scream Like A Baby und das Tom Verlaine-Cover Kingdom Come riechen noch stark nach Aladdin Sane und Diamond Dogs, sind politisch und emotional aufgeladen und wirken wirklich noch wie Überreste aus den Glam-Tagen Bowies, re-mixed for post punk. Die Call and Response-Struktur von Kingdom Come erinnert kundige Hörer zudem eventuell an den guten Iggy Pop. Because You're Young könnte dann von Peter Gabriel sein - wechselseitiger Einfluss nicht ausgeschlossen? Womöglich. Fest steht, dass man es hier mit einem typischen End-70er-Rocker Marke ELO zu tun hat, der erheblich von der Singstimme Bowies profitiert, aber ansonsten musikalisch nicht unbedingt heraaussticht. Textlich jedoch... textlich ist der Song ein Traum. Die Betrachtung der next generation durch jemand Erfahreneren ist literarisch immer spannend und hier entlehnt sie die dekadenten Motive aus Station to Station, fügt sie mit den kaputten Liebesleben von Lodger zusammen und verkündet groß: These pieces are broken. Die Sons of the Silent Age haben nichts dazugelernt. Und um diese Erkenntnis reicher, widmet sich die Stimme, die uns durch das Programm führt, nochmals ihrer Eröffnungsrede, doch nun wesentlich ruhiger, fast schon entspannt. Mit sowas muss man sich einfach abfinden, Aufregung bringt nichts. Das hat zwar etwas Desillusioniertes in sich, aber es wird schon irgendwie. Children round the world put camel shit on the walls. Und Bowie wieder ganz nach oben.

Nach dem kommerziellen Misserfolg von Lodger meldete sich David Bowie im Folgejahr mit Scary Monsters wieder beispiellos zurück und erreichte in England sogar die Chartspitze, in den USA Platz 12, ebenso Platz 1 in Australien, Frankreich und Neuseeland. Gleichzeitig vermochte er es auch, die Stärken seines jüngsten Outputs mit jeder Menge neuer Einfälle, die gleichermaßen aus Vergangenheit und Zukunft zehren, womit ihnen musikalisch schon nahezu eine prophetische Rolle zugestanden werden muss, zu vermengen und künstlerisch wohn sein gereiftestes Werk abzuliefern. Ein Werk, das oft schräg anmutet - dabei selten wirklich freundlich ist - und gleichzeitig einen ganz eigenen Reiz hat, der beim Anhören jedes Mal für eine Menge Freude sorgt. Und das Ganze natürlich schön laut - Kopfhörer klar von Vorteil! Einige Songs der zweiten Seite fallen da etwas aus dem Konzept und daher auch gegenüber dem Rest ein bisschen ab. Subtile Gefühle von Angst schwingen ebenso mit, auch wenn diese wohl einfach dem Zeitgeist des Jahres 1980 geschuldet sind - Cold War Paranoia und dergleichen haben zu dieser Zeit nicht einmal die unpolitischsten Musiker kalt gelassen. Und so würde ich zwar Station to Station persönlich höher einstufen, aber dafür hat David Bowie wohl selten so aus dem Vollen geschöpft wie auf Scary Monsters - einen Künstler so hörbar revitalisiert und auf der Höhe seiner Kreativität zu erleben, ist einfach immer herrlich. Wer also 1980 gefragt hätte Was kann man von David Bowie eigentlich noch erwarten?, der bekommt  von allen nur möglichen Genreeinflüssen die Antwort kurz und knapp serviert: Alles. Und so muss sich leider auch die eine oder andere leichte Enttäuschung einstellen - denn der leicht fahle Beigeschmack der zweiten Seite bleibt.

Ein Muss für den Musikliebhaber. 4.5/5


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