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Peter Gabriel (Melt) - Die kreative Pubertät findet ein Ende...

Charisma/Virgin
...und der ehemalige Genesis-Sänger sein künstlerisches Selbst.

Dabei wollte der Brite mit der quäkerischen Stimme nach dem Ausstieg bei Genesis 1975 nichts mehr mit der Musikbranche zu tun haben: Aufgrund psychischer Probleme sowie der berühmt-berüchtigten kreativen Differenzen trennte sich Gabriel vom Rest der Band und zog sich zurück. 1977 dann ein erster eigener Aufschrei mit Solsbury Hill und dem dazugehörigen Album Peter Gabriel ("Car") - ambitioniert, aber in weiten Teilen noch ziemlich ausbaufähig. Mit dem Nachfolger ("Scratch") wird das Chaos in der Musik kontrollierter, harte Töne werden auch geschickter eingesetzt, dennoch reicht es noch nicht zum Durchbruch. Und der New Musical Express urteilt in weiser Voraussicht: ...da ist eine Reinheit, eine Stärke in diesen Songs verankert, individuell genug, um Gabriel als einen Mann erscheinen zu lassen, dessen kreativer Zenit kurz bevorsteht. 

Etwa zur selben Zeit wird in England das Computer Musical Instrument der australischen Firma Fairlight zum Preis von 12.000 Pfund auf den Markt gebracht. Mit dem legendären Synthesizer war es erstmals möglich, jegliche Art von Geräuschen wie zerberstenden Flaschen oder Schreien auf jede damals nur erdenkliche Weise zu verändern, um den Musikstücken eine oftmals ganz neue Atmosphäre zu verpassen. Als Gabriel 1979 von diesem Novum erfuhr, war er so angetan, dass er sich einen Fairlight CMI kaufte. Und damit sollte er sich endgültig von den schrillen, ziellos durchs Gehör stampfenden Versuche seiner Solo-Anfänge oder den mythisch aufgeladenen Epen bei Genesis entfernen - mit dem Synthesizer war das erneute Erwachen des Peter Gabriel vollzogen. Und das Ergebnis kann sich mehr als nur hören lassen.

Peter Gabriel am Fairlight CMI (BBC)

Mit einem tribalen Drumrhythmus von Phil Collins, durchzogen vom Knarren eines Drahtes, der durchschnitten wird, startet das dritte Gabriel-Album bereits mit dem Charakteristikum, das ich in diesem Zusammenhang gerne als Trümmermusik bezeichnen würde. Denn die Soundwelten, die auf Melt gebildet werden, klingen kaputt, sie wirken beinahe wie eine einzige psychische Störung, die in zehn Songs zerstückelt wurde. Die Haltung ist dabei fast immer die eines Aussätzigen, eines Missachteten, eines psychisch Kranken oder zumindest Kriminellen: im Opener Intruder geht es um einen Einbrecher, der nur aus Spaß an der Sache in fremde Häuser einsteigt (I like to feel the suspense...). Bei No Self Control kriechen die Drums leise heran, ehe sie sich nach einem atemberaubenden, bedrückenden CMI-Intro entladen und auch den backing vocals von Kate Bush Raum geben, die im Finale sirenenhaft und manisch No self control singen, fast schon schreien darf - sie wird uns bald erneut begegnen. Die instrumentalen Einwürfe Start und Lead A Normal Life erinnern mit dem sehr befremdlich wirkenden Saxophon stark an Bowies "Heroes" und man ist geneigt, zu glauben, die selben Studiomusiker waren auch hier am Werk, so rapide erinnert Start etwa an Neukölln.

Bemerkenswert ist die Melodik, die den musikalischen Trümmern, welche auf den Hörer niederprassen und sensiblere Gemüte durchaus runterziehen könnten, immer noch innewohnt - das hier ist großteils New Wave, wie er im Buche steht (bis auf die bittere Stimmung natürlich) - die Rhythmen leicht verschroben wie auf Lodger, der Gesang so zwischen Apathie und Irrsinn schwankend wie bei Joy Division. Doch (Melt) ist mir immer noch eine Stufe weiter: die Grundstimmung ist so herrlich krank, schräg, ganz und gar wahnsinnig, dass sie einen zutiefst mitreißt - je nach Tagesverfassung auf eine Art des kranken Vergnügens oder des blanken Terrors. Dabei weiß lediglich Family Snapshot nicht so recht seine Richtung, scheint mir. Es ist ein textlich brillanter Song, der mich musikalisch allerdings niemals so zu fesseln weiß wie der Rest der Platte. Schade, da ansonsten wirklich nur Glanzstücke vertreten sind, von denen besonders Games Without Frontiers und Biko noch zu nennen sind: auf ersterem ist wieder Kate Bush dabei (abermals nur mit einer einzigen Phrase beschäftigt... dafür erfahren wir, dass sie anscheinend gut Französisch sprechen dürfte) und der Sänger darf sich über politisches Geschehen, über den krieg als großes, lächerliches Kinderspiel auslassen. Der Song wurde interessanterweise zu Gabriels erstem großen Hit in England und ist dort bis heute einer seiner erfolgreichsten Songs. Biko zieht unter das Ganze einen würdigen, den einzig möglichen Schlussstrich, den eine solche Platte bekommen kann: ein Totengesang in Xhosa eröffnet und schließt den Track, der einfache, aber enorm wirksame Drumbeat setzt ein, Gitarren und entfernte Schreie zerschneiden die Atmosphäre schmerzlich und bauen den Haupttext auf, welcher von dem Anti-Apartheid-Kämpfer Stephen Biko erzählt, der 1977 in Port Elizabeth von der Polizei zu Tode gefoltert wurde. Der Song baut sich zu einer rebellischen Kampfhymne auf, an deren Ende der Wille steht, ewig für die eigene Freiheit zu kämpfen und die eigenen Prinzipien an eine große Masse weiterzutragen (Once the flame begins to catch, the wind will blow it higher). Wie bereits gesagt: es könnte keinen anderen Abschluss für eine dermaßen schwer verdauliche Dreiviertelstunde voller Angst und Wahnsinn geben.

So. Nun erstmal wieder sammeln. Was bleibt nun von diesem Hörerlebnis zurück, woran erinnert man sich, wenn man von dieser Platte spricht? An die ungemein eindringliche Art, mit der die Texte vorgetragen, die Songs komponiert sind; den Mut, den es anno 1980 erforderte, mit einer solchen Musik auf dem Markt aufzutauchen. Doch das Experiment war geglückt: sein drittes Studioalbum wurde zum Durchbruch des Peter Gabriel, des Mannes, der noch fünf Jahre zuvor nichts mehr vom Musik machen wissen wollte, künstlerisch wie kommerziell war (Melt) ungeheuer wichtig für ihn. Weit vor den Weltmusik-Launen, mit denen der Mann bis heute spielt, hat er hiermit sein Meisterstück abgeliefert; eines, das mit den bestmöglichen Gastmusikern aufwarten konnte und das lediglich von So annähernd erreicht werden konnte. Ja, der Peter Gabriel von 1980 braucht Zeit, um sich an ihn zu gewöhnen. Ich habe ihn nach dem ersten Durchhören auch erst einmal hübsch in den Schrank gestellt, dazwischen mal eben Kate Bush und ihren Irrsinn lieben gelernt und stehe nun wieder hier, am Ausgangspunkt eines ganzen Musikjahrzehnts, in dem viel Gutes und ebenso viel Schlechtes passiert ist; am Wendepunkt einer Musikerin, die bis dahin wie eine leicht verrückte Elfe wirken wollte, nur um zwei Jahre später wie eine komplett wahnsinnige Psychopathin die Kritiker zu schocken. Aber um all das geht es hier nicht: ich werde nicht mit Sledgehammer, mit Bushs The Dreaming oder dem unsäglichen Ende der 80er-Musik und Bands wie Modern Talking oder irgendwelchen ...Boys daherkommen - wenn ich eine Platte wählen müsste, die für die Nachwelt wie ein Fels in der oft fragwürdigen 80er-Jahre-Brandung steht, es wäre Peter Gabriel mit (Melt), einem Album für die Wahnsinnigen in uns. Einem Album für die Ewigkeit.

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