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Pink Floyd - The Dark Side of the Moon

EMI/Harvest
Zeitgeist is a bitch: auf dem Zenit ihres Erfolges waren Pink Floyd bereits von sich selbst überholt worden.

Zu Anfang ist die Entwicklung dieser Band eine in den Sechzigerjahren vorbildhafte, weil geradezu unerhört seltene gewesen: unter der Führung des LSD-Dauerkonsumenten Syd Barrett widmete man sich dem damals so beliebten Psychedelic Rock, zu dem sich wohl Millionen Hippies auf beiden Seiten des Atlantik diverse Stoffe genehmigt haben. Nach dem Ausscheiden des zunehmend verrückt gewordenen Lockenkopfes, der vorzugsweise über Gnome und das All schrieb, begann langsam ein anderer Wind bei Pink Floyd zu wehen, und spätestens mit dem 1971 erschienenen Meddle war die Band endgültig auf die Progressive-Rock-Schiene geraten, die zu diesem Zeitpunkt bereits fleißig von King Crimson oder Genesis bedient wurde. Und hört man sich eine Komposition wie das 23-minütige Echoes an, so wird ersichtlich, dass Pink Floyd für diese Musikrichtung verdammt viel Potential hatten und womöglich zu den unangefochtenen Königen dieses Genres geworden wären, hätte Songschreiber Roger Waters nicht - womöglich unwissend - für das nächste große Studioprojekt (den Soundtrack Obscured by Clouds einmal ausgenommen) einen anderen Weg - und ich traue mich, zu sagen: nicht den besseren Weg - eingeschlagen.

Denn Progressive Rock besteht aus zwei Dingen: Texten, die auf jedwede nur erdenkliche Art zum aktuellen Zeitgeist passen, sowie einer Melodieführung, die ganz unmerklich mit Grundmotiven anfängt, diese immer weiterspinnt, variiert und umbaut, nur um am Ende in einem großen Finale zu gipfeln, das im Idealfall wieder genau zum Ausgangsmotiv zurückfindet (mein Paradebeispiel: Firth of Fifth von Genesis). Textlich traf die Band um Roger Waters, David Gilmour, Nick Mason und Richard Wright genau den Nerv der Zeit: Stücke wie Time, Money oder Us and Them befassen sich mit nicht greifbaren, jedoch sehr mächtigen Kräften, die das Leben aller Menschen beherrschen und sie oftmals in ziemliche emotionale Sackgassen und trostlose Lebensabende führen (Ticking away the moments that make up a dull day ist eine schmerzlich passende Umschreibung eines durchschnittlichen Schul- oder Arbeitstages). Themen für die Ewigkeit. Aber auch Dinge, die damals, wenige Jahre, nachdem der idealistische Traum vom Hippietum durch Tragödien wie den Mord am Altamont Festival und den reihenweisen Tod der Idole jener freiheitssuchenden Generation - Jimi Hendrix, Janis Joplin, Jim Morrison - zu Schall und Rauch geworden war und seine Überreste sich an immer schrägeren Tönen versuchten oder sich gänzlich dem Establishment anbiederten, große Relevanz hatten. Esoterik klingt in Songs wie The Great Gig in the Sky, in dem es etwa heißt Why should I be frightened of dying? ...you've gotta go sometime. auch durch und trifft damit einen weiteren Nerv, den der New Age-Bewegung, die damals gerade auch über England fegte. Typisch Englisches findet sich ebenfalls auf der Platte, so etwa die Frage, wie man jugendliche Straftäter am besten maßregeln und reintegrieren sollte. Diese Debatte wurde durch den Film Uhrwerk Orange erneut angeheizt und stellte für die englische Politik, die irgendwo zwischen grausamen Foltermethoden und psychologisch "freundlicheren" Ansätzen schwankte, eine große Herausforderung dar. I mean, good manners don't cost nothing, do they? All diese Ideen werden schließlich zum Ende hin - nicht ganz frei von Selbstreferenzen - vereint und in einer düsteren, gleichzeitig fast schon hoffnungsvollen Prophezeihung zu einem Ende gebracht: If the band you're in starts playing different tunes/I'll see you on the dark side of the moon. Progressiv von der ersten Zeile bis zur letzten.

Die musikalische Umsetzung dagegen schien man bei Pink Floyd für einen Moment komplett vergessen zu haben: ich weiß ja, dass der Stil der Band sich auch aus Blues- und Jazzelementen zusammensetzt, was im Prog ja durchaus seine Berechtigung hat. Aber mit den ausschmückenden Saxophonsoli Dick Perrys und den oft durchscheinenden, schweren Bluesriffs Gilmours wirken Pink Floyd auf musikalischer Seite bei The Dark Side of the Moon eher wie eine schräge Mischung aus Led Zeppelin und Supertramp, und noch dazu wie eine, die im Sekundentakt zwischen, sagen wir, When the Levee Breaks und It's Raining Again schwankt - eine Truppe, die die Bedeutung von Progressive Rock irgendwie nicht ganz verstanden zu haben scheint. Das allein ist ja noch kein Problem, weil die oft wilden Stilwechsel, die sogar einen richtig gelungenen Techno-Prototypen namens On the Run ohne Weiteres zulassen, abenteuerlich klingen und ein ewig währendes Gefühl totaler Gelassenheit beim Hören auslösen - perfekt, um high zu werden. Das einzige Problem, was sich nun stellt, möchte man The Dark Side of the Moon rezensieren, lautet: dieses Album wird von so ziemlich allen "bedeutenden" Rezensionsquellen wie dem Rolling Stone oder Billboard als Progressive Rock bezeichnet und für mich persönlich stellt sich dieser Eindruck lediglich bedingt ein. Pink Floyd fassen hier wohl eher ihre bisherigen Karrierestationen zusammen (besonders auffällig dabei die Konnotationen zu Ummagumma, dem enorm surrealen Studio/Live-Album von 1969, auf dem auch viel rein mit Geräuschen gearbeitet wird, und Meddle, dem wohl progressivsten Vorstoß der Band vor Dark Side) und ergänzen diesen wilden, aber ungemein spannenden Mix um äußere Einflüsse, allen voran die frühen Kraftwerk, denen das oben erwähnte On the Run Tribut zollt und kochen daraus eine auditiv höchst ansprechende Mischung, der man jedoch mit Sicherheit nicht das Etikett Progressive Rock aufdrücken möchte. Und unabhängig von der kritischen Einstufung, für die eine Band nichts kann, weil sie noch viel mehr ein Produkt der jeweiligen Zeitumstände ist als das künstlerische Endprodukt per se, frage ich mich beim Hören des Albums immer, wie das Ganze wohl geklungen hätte, hätten Pink Floyd die Richtung von Meddle weiterverfolgt. Einem Text wie Time hätte das musikalische Gewand von One of These Days gut zu Gesicht gestanden. Und so gut die fertige Scheibe The Dark Side of the Moon auch ist, man hat das Gefühl, Pink Floyd waren durch sich selbst für einen kurzen Moment überholt worden. Was die Nachfolge und Weiterentwicklung von Meddle hätte werden können, wurde stattdessen eher zu so etwas wie Pink Floyd's Houses of the Holy, wie ein deutlicher Schritt zurück in den genutzen Möglichkeiten des Prozesses des Musikmachens. Dabei muss man die Musikkritik außen vor lassen. Aber schon rein auf musikalischer Ebene hört sich The Dark Side of the Moon trotz all seiner Stärken wie eine vertane Chance an. Eine, die erst auf Wish You Were Here wieder etwas konsequenter wahrgenommen wurde. Doch da war es bereits zwei Jahre zu spät.

4/5 für ein Album, mit dessen Bewertung ich mir auch während des Verfassens dieser Zeilen immer noch unheimlich schwer tue. Aber DSOTM eine Höchstwertung zu vergeben, wäre unaufrichtig von mir.

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