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Der Pate - Teil II (1974)

Paramount
Everything dies... im zweiten Teil der Pate-Trilogie muss der neue Don dies am eigenen Leib erfahren und verliert dabei seinen Verstand.

Nach dem Erfolg von Der Pate war man bei Paramount darauf bedacht, von Regisseur Francis Ford Coppola möglichst schnell einen Nachfolger präsentiert zu bekommen. Dieser weigerte sich jedoch vehement und wollte den zweiten Paten von seinem Kollegen Martin Scorsese (Hexenkessel) drehen lassen. Nach vielen Überwürfen fand sich Coppola jedoch erneut im Regiestuhl der Corleones. Und es war verdammt gut so: Der Pate - Teil II gilt als eine der besten Fortsetzungen aller Zeiten und rangiert auch bei mir persönlich an höherer Position als der Vorgänger. Eine Beschreibung des Wahnsinns.

Wie auch in Teil 1 wird die grundlegende Motivik des Films in der ersten Szene offengelegt: es geht um den Tod. Um den Verlust geliebter Menschen, um Rache. Der neunjährige Vito Andolini begleitet seine Mutter auf das Begräbnis seines Vaters, den der Mafiaboss des kleinen sizilianischen Dorfes Corleone umbringen ließ. Plötzlich ertönen aus den Bergen Schüsse und panische Stimmen rufen Vitos Mutter: Sie haben deinen Paolo erschossen! Vitos Bruder wollte sich rächen und st nun ebenfalls tot. Als nächstes will sich Don Ciccio den kleinen Vito vom Hals schaffen, doch Mutter Andolini opfert sich, Vito kann entkommen und wird von einer Bauernfamilie auf ein Schiff nach Amerika gebracht. Dort wird er von einem gestressten Beamten als Vito Corleone vermerkt. Der Anfang der Geschichte und gleichzeitig der Anfang vom Ende.

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Der Film ist in zwei parallele Handlungsstränge aufgeteilt: der zweite öffnet nun mit der Erstkommunion von Vitos Enkel am Lake Tahoe, Nevada, 1958. Michael, der neue Don, führt im Hinterzimmer Geschäfte, während außen die gesamte Familie und zahllose Freunde feiern. Und als Zuschauer hat man bereits bei einigen der Geschäftspartner, der angeblichen Freunde der Familie, ein übles Gefühl. Sie alle sprechen mit linkisch anmutender Gestik, in ihren Blicken macht sich bereits der künftige Verrat bemerkbar. Und Michael registriert dies genauso. Es wird nur noch mehr zum allmählichen Verfall seines Verstandes, zum Verlust seiner Seele beitragen. Im Wesentlichen lässt sich zu Michaels Geschichte nun sagen, dass er versucht, die Geschäfte der Familie vollends auf legales Terrain zu verlegen - Casinos, Hotels, Bordelle. Dabei wird er jedoch immer wieder von Partnern - allen voran dem gerissenen Hyman Roth aus Miami - hintergangen, bis er sie schließlich einen nach dem anderen umbringen lässt. Und das geht sogar bis zum Brudermord. Hier hat Michael endgültig mit seiner Familie gebrochen, die ihn ohnehin schon längst verlassen hat. So sitzt er in der letzten Szene im Garten seines Hauses, sich seiner Verlorenheit bewusst, blickt ins Nichts und erinnert sich daran, wie er dereinst den illegalen Geschäften seiner Familie zu entkommen suchte, indem er sich zum Kriegsdienst meldete. Über 20 Jahre später ist er genau das, was er nie werden wollte. Schlimmer noch: er hat dabei seine Ehre und seine Seele verloren. Eines der kraftvollsten Schlussbilder der Filmgeschichte.

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Für den jungen Vito, der hier von einem frühen Robert de Niro verkörpert wird, welcher dem jungen Paten den selben erhabenen Esprit einzuhauchen vermag wie Marlon Brando im ersten Teil, läuft es indes immer besser: er widersetzt sich den Repressalien Don Fanuccis, indem er ihn während einer Parade heimlich erschießt und wird innerhalb weniger Jahre zu einem hochgeschätzten Mann. Er amüsiert sich dabei immer wieder über die Verlogenheit vieler seiner Verehrer (zum Beispiel des Vermieters Signor Roberto, der richtig Angst vor Vito zu bekommen scheint) und beseitigt Probleme häufig mit Gefallen, die er bei seinen Bittstellern noch gut hat. Als er in New York bereits sehr großen Einfluss hat, reist er mit seiner Familie nach Sizilien, um ihr seine Wurzeln näher zu bringen. Eines Tages stattet er Don Ciccio einen Besuch ab und rächt seine getötete Familie, indem er ihn mit einem Messer tötet. Auch Vitos Handlungsbogen endet also mit Vergeltung und Tod. Eine prophetische Vorsehung, wie sie in der Trilogie oft vorkommen.

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Kommen wir nun zu etwas völlig anderem: Monty Python-Zitate passen nicht zum Paten. Denn die erneut sehr schwerfällige Inszenierung lässt keinen Raum für Humor. Der Pate - Teil II ist düsteres Psychogramm des Verfalls, Michael führt die traditionellen Werte des ersten Teils - Familie, Treue, Ehre - ad absurdum und zeigt in einem schillernden Portrait des verlorenen Verstandes, der Al Pacino so zueigen ist wie kaum einem anderen Darsteller des Gangsterkinos, wie hoch der Preis für Geld, Einfluss und Macht ist. Über seine Geschäfte wird Michael paranoid und geht letzten Endes so weit, seinem Bruder Fredo eine Versöhnung vorzuspielen, um ihn zwanzig Minuten später hinterrücks beim Angeln erschießen zu lassen. Der Moment, in dem der Schuss fällt, während Michael auf den See blickt, versetzt dem Zuschauer einen Stich ins Herz, so gekonnt wurde das Fallen des Schusses platziert. Und Michaels Blick, der sich nun abwendet, macht jedem klar: nun hat er endgültig seine Seele verloren. Im Kino gab es eine so eindringliche Schilderung dieses Wandels äußerst selten. Und die andere, die mir spontan einfällt, ist ebenfalls von Pacino dargestellt: Brian DePalmas Scarface geht zumindest storytechnisch einen sehr ähnlichen Verlauf, weil Pacinos Charakter auch dort von allen verlassen und hintergangen wird. Lediglich das Ende ist grundsätzlich anders, denn während Tony Montana erschossen wird, muss Michael Corleone mit seiner verlorenen Ehre weiterleben, ist dazu verdammt, unter seinem skrupellosen Wesen weiterzuleiden. Dieses Bild wäre der perfekte Abschluss der Filmreihe gewesen und es ist schade, dass Francis Ford Coppola nach 16 Jahren einen dritten Teil drehte - zwar nur aus Geldproblemen, aber er ist nun einmal da. Und nimmt dem Ende des zweiten Teils viel von seiner Bedeutungsschwere. Dazu aber mehr bei der Besprechung von Teil 3.

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 Was nun den vorliegenden Film betrifft, so ist er für mich - bei all dem Lob, das ich Teil 1 zuteil werden ließ - der absolute Höhepunkt der Trilogie. Es stimmt einfach so viel an diesem Film: die parallelen Handlungsfäden zeichnen gekonnte, liebevoll detaillierte Bilder der jeweiligen Zeit, von den 1910er-Jahren mit ihren ersten Automobilen, den verdreckten Straßen und einer Stadt, die noch im Aufbau war, bis zu den späten 50er- und frühen 60er-Jahren, in denen Michael die Revolution auf Kuba während eines geplanten Geschäftsabschlusses hautnah miterlebt und sich das organisierte Verbrechen zunehmend auf das Glücksspiel verlegt. Die Mafiosi sehen allesamt ziemlich schmierig aus, was ja auch irgendwie zum Casinomilieu gehört und die Ausstattung ist in beiden Epochen hervorragend an den jeweiligen Zeitgeist, die jeweiligen Trends angepasst. Der Film arbeitet ebenso mit gezielter Symbolik: etwa die Orangen, die immer gezeigt werden, bevor jemand stirbt oder sterben soll. In Teil gab es diese Symbolik auch schon, etwa, als Vito an einem Orangenstand erschossen werden sollte, doch hier ist sie sehr aufdringlich eingesetzt. Vielleicht schon zu aufdringlich. Nichts desto Trotz finde ich Der Pate - Teil II als metaphorisches Bild einer verlorenen Seele, als Epochenportrait sowie schlicht und einfach als grandios gespieltes und inszeniertes Gangsterepos hervorragend und das Werk ist für mich persönlich in all seinem Coppola-esken Grandeur, dem Hang zu schönen und düsteren Bildern, einfach einer der größten Filme, die je gedreht wurden. Es kann eigentlich nicht mehr besser werden.







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