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In der Hitze der Nacht (1967)

MGM

Der Süden der USA war ja noch nie für Weltoffenheit und Toleranz bekannt. Ein Film aus dem Gestern für das Heute.

Schon die Einführung ist ein zweischneidiger Kunstgriff: vollkommene Finsternis. Aus der Ferne nähert sich die riesige Leuchte eines alten Zuges. Die roten Warnsignale leuchten im Takt der Musik, die das Geschehen begleitet, auf. Es ist Ray Charles, der das Titellied In the Heat of the Night vorträgt. Zum Einen merkt man: es wird sich wohl um einen schwarzen Protagonisten handeln. Und zum Anderen: die Finsternis deutet an, dass die nächsten zwei Stunden einen unschönen Blick auf den Alltagsrassismus im dirty south werfen werden - eine dunkle Seite der menschlichen Seele, um das Bild jetzt begreiflich zu machen. Diese zwei Einstiegsminuten mit ihren raffiniert übereinandergelegten Bildern, den Lichtspielen, die allmählich einen ersten Blick auf das provinzielle Setting des Plots erhaschen lassen, sind bereits Gold wert. Und in all ihrer Kürze und Prägnanz zeitlos. Das typisch verschmitzt-ländliche Setting wird in der ersten Spielszene, die den gemütlichen Polizisten beim Kaffeetrinken und den leicht vertrottelt wirkenden Cafeangestellten, der den Polizisten aus Jux Tag für Tag um seinen Kuchen bringt, abbildet, sofort vertraut erscheinen - das damalige Publikum dürfte sich sofort an Sitcoms wie die Andy Griffith Show oder die Beverly Hillbillies erinnert fühlen. Dass der "gemütliche Polizist" jedoch nur wenig später eine Frau heimlich beobachten wird wie ein Sexualverbrecher, demontiert sogleich wieder diese scheinbare Idylle. Nur der erste üble Nachgeschmack von vielen.

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Wenig später entdeckt ebenjener Polizist - Sam Wood - die Leiche des Investors Colbert. Da dieser - wie sich später herausstellen wird - der Stadt (Sparta, Mississippi) mit seinen Plänen, eine Fabrik zu bauen, von ungemeinem finanziellen Nutzen gewesen wäre und die Witwe zufriedenzustellen ist, um es sich nicht doch anders zu überlegen und Sparta zu verlassen, beginnt sofort die fieberhafte Suche nach dem Mörder. Zur selben Zeit wartet Vergil Tibbs, Detective der Mordkommission von Philadelphia, auf dem Heimweg von seiner Mutter auf den Zug nach Hause. Als Sam Wood den Bahnhof betritt, erblickt er den schwarzen Wartenden und presst ihn sofort mit aller Gewalt gegen die Wand, um ihn zu durchsuchen und ihn anschließend auf der Wache als Mörder zu präsentieren. Logischerweise kann Tibbs dieses von blindem Rassismus geleitete Vorgehen gar nicht fassen und ist auch erst mal ziemlich sprachlos - als er dem ebenso vorurteilsgesteuerten Sheriff klarmacht, dass er Polizist ist und das angeblich von der Leiche entwendete Geld sein eigenes ist, reagiert der Sheriff - traurig, aber wahr - mit Unglauben darüber, dass ein Nigger für seine Arbeit so gut verdient wie ein weißer Polizist. Tibbs hofft nun, gehen zu können, doch sein Boss aus Philadelphia hat eine viel bessere Idee: der Detective der Mordkommission, in Philadelphia der Beste seines Faches, soll den Provinzpolizisten helfen, den Mord aufzuklären. Beide Seiten sind darüber nicht erfreut, doch widerwillig arbeiten sie bereits wenige Tage später zusammen, auch wenn die Überzeugungsarbeit des Dorfsheriffs ebenfalls ziemlich diskriminierend rüberkommt: Das bist du ja schon deiner verdammten Eitelkeit schuldig, dass wir Weißen uns einmal so richtig blamieren. Der Weg zum Mörder ist nun ein recht linearer - doch in diesem Film geht es viel mehr um die subtilen Ebenen des Erzählten, um eingetrichterte Verhaltensmuster und grausam in jeder Silbe mitschwingenden Alltagsrassismus...

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In dem Städtchen stößt es nämlich auf äußerst wenig Gegenliebe, dass die Polizei mit einem Schwarzen zusammenarbeitet, anstatt ihn zu verhaften oder umzubringen. Die Blicke, die Hauptdarsteller Sidney Poitier erntet, das hämische Grinsen der Dorfbewohner, all das umrandet jede Szene und lässt einem das Blut in den Adern gefrieren. Eine paranoide Atmosphäre ist das, in der der Protagonist sich nie sicher sein kann, ob ihn nicht einer dieser Menschen plötzlich hinterrücks erschießen könnte. Auf all diese Ablehnung reagiert er sehr professionell: er spricht kaum, und wenn, dann bleibt er dabei stets höflich, er lässt sich nicht beirren bei der Erledigung seines Jobs. Und bei all der Distanziertheit ist es doch mehr als ersichtlich, dass er die Heldenfigur des Films verkörpert, einen Einzelgänger, dem in seiner Umwelt nichts geschenkt wird und der against all odds agieren muss, um ein Verbrechen aufzuklären. Dabei gerät auch Tibbs auf falsche Fährten: es gibt im Film eine besonders einprägsame Szene, in der Tibbs und der Polizeichef auf die örtliche Baumwollplantage fahren, da ihr Besitzer Endicott gegen die Fabrik des Ermordeten witterte, weil diese primär Arbeitsplätze für Schwarze bereitstellen sollte. Als die beiden auf die Plantage kommen, zeichnet sich ein Bild wie im 19.Jahrhundert: ausnahmslos alle Arbeiter sind Schwarze in zerfetzten Lumpen, das Anwesen Endicotts sieht aus wie ein Adelsanwesen aus 12 Years a Slave und die enorm klischeehafte Statue beim Eingang tut ihr Übriges, um den Besitzer als ziemlich bösartigen Rassisten zu entlarven. Es kommt naturgemäß zur Auseinandersetzung, und als Tibbs sich für die Ohrfeige Endicotts ebenso rächt, bricht dieser in Tränen aus und schluchzt: Früher hätte man so einen wie dich doch direkt erschossen. Soziale Probleme ohne Übertriebenheit oder unpassende Komik, sondern in all ihrer Härte und Traurigkeit: das zeichnet In der Hitze der Nacht  aus und macht ihn zu einem zeitlosen Plädoyer gegen derartige Denkweisen.

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Man muss sich nur einmal vorstellen, was für eine enorme Wirkung eine solche Szene damals hatte: dass ein Schwarzer sich so direkt für das diskriminierende Verhalten eines weißen Mannes rächt, war bis dahin in großen Produktionen nicht denkbar gewesen. Nicht umsonst spricht man in diesem Zusammenhang von The slap heard around the world. Ich bin mir sicher, dass diese eine Ohrfeige wesentlichen Einfluss auf den Durchbruch des Blaxploitation-Genres, in dem erstmals schwarze Regisseure für große, etablierte Studios Filme über ebenjene sozialen Missstände des Rassismus, über schwarze Actionhelden drehten und das der Nachwelt Perlen wie Shaft und Foxy Brown hinterließ, ausgeübt hat. Für 1967 eine mehr als nur mutige Szene, die nachhaltig in Erinnerung bleibt. Naturgemäß verfällt auch der Held nun vorübergehend in ähnlich simples Denken, er versucht mit aller Gewalt, Endicott zu überführen. Letzten Endes jedoch gesteht er sich vor allen anderen ein, dass ihn solches Schwarz-Weiß-Denken nicht weiterbringt und dass er eben diese Größe besitzt, sich dies als einzige Person im Film einzugestehen und danach wieder professionell zu handeln, macht Vergil Tibbs für mich zum Prototypen des Blaxploitation-Helden. Aber auch der Polizeichef Gillespie, der mit einem schwarzen Polizisten noch recht zu kämpfen hat, lernt schließlich, den neu hinzugezogenen Ermittler für seine erstklassige Arbeitsweise, seine Expertise und seine rationale, ruhige Art zu schätzen und lässt allmählich auch die magenumdrehenden rassistischen Spitzen bleiben. In gemeinsamer Arbeit können sie schließlich den Mörder entlarven und es stellt sich heraus, dass Hass und Gewalt selbst den innigsten provinziellen Lynchmob blutig zerschlagen können. Apropos Lynchmob: dieser macht in Endicotts Auftrag zuvor noch Jagd auf Tibbs und kann nur durch das Auftreten Gillespies verjagt werden, der daraufhin ernstlich über seine bisherigen Ansichten nachzudenken scheint. Am Schluss jedenfalls bleibt die freundliche Verabschiedung und die beiden grundverschiedenen Männer wünschen sich Glück, ehe jeder seiner Wege geht. Ein starkes Bild.

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In der Hitze der Nacht ist in seinem Herzen keine Kriminalgeschichte. Die eher behelfsmäßige Handlung liefert lediglich den Kontext für die minutiöse Beobachtung von Rassismus, der heutzutage, in Zeiten, in denen amerikanische Polizisten wieder vermehrt Schwarze erschießen, leider ebenso präsent ist wie 1967. Dass ein Film nach einem halben Jahrhundert noch so aktuell ist, das gibt es eigentlich nicht. Doch Norman Jewisons Drama ist 2017 genauso ansehbar wie bei seinem Ersterscheinen. Die zusätzliche Distanz macht nur noch mehr deutlich, wie wenig sich eigentlich geändert hat. Was den Amerikanern ihre Schwarzen, das sind hier Muslime oder Afrikaner. Der Plot um den Menschen, der sich in einer konservativen Umgebung mit Rassismus und Hetze herumschlagen muss, lässt sich immer noch auf so viele Einzelschicksale anwenden, dass es einem wirklich den Magen umdrehen kann. Auch technisch war der Film 1967 seiner Zeit weit voraus: der sehr dezent eingesetzte Soundtrack von Ray Charles und Quincy Jones lädt die Bilder mit noch mehr Spannung auf und nimmt in seiner Nuanciertheit Serien wie Fargo vorweg. Die rasanten Bilder mit der Handkamera, als beispielsweise ein Verdächtiger durch den Wald und über eine riesige Brücke gejagt wird, sollte man so erst wieder zwanzig Jahre später in Genrevertretern wie Leben und Sterben in L.A. zu Gesicht bekommen. Und die Aufnahmen dieses Kaffs bei Nacht, als nur wenige Lichter Leben überhaupt erahnen lassen, rufen lebhafte Erinnerungen an die übernatürliche Stimmung von Twin Peaks hervor. In der Hitze der Nacht ist wirklich ein großartiger Film, der 1967 für einige mit Sicherheit ein Schock gewesen sein dürfte und der heute - 50 Jahre später - verdientermaßen genauso gut dasteht wie anno dazumal. Eine Empfehlung für jeden, diesen Film sollte man unbedingt einmal gesehen haben!



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