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Heaven's Gate - Das Tor zum Himmel (1980)

MGM/United Artists
Die USA sind doch in Wirklichkeit eine gottverdammte Bananenrepublik.

Ungefähr einmal pro Jahrzehnt erscheint ein Film, der mehr als nur ein einfacher Flop ist. Aus kommerzieller Sicht ist er ein Desaster, eine Katastrophe unvorstellbaren Ausmaßes, den Hollywood als Anlass zu allen möglichen Regeländerungen nimmt, der von allen Filmschaffenden als Negativbeispiel hochgehalten wird, wie man es nicht machen sollte. Unlängst erst erschien mit John Carter so ein Film. Die 60er hatten Der Untergang des römischen Reiches. Die 70er hatten Mohammed - Der Gesandte Gottes. Und die 80er hatten Heaven's Gate, einen Film, der zum Verkauf seines Studios führte und bei der US-Kritik bis heute kaum ein gutes Haar hat. Und das nur, weil Amerikaner ein verdammt ignorantes Volk sind.

Schon die Einführung in Michael Ciminos (The Deer Hunter, Im Jahr des Drachen) opus magnum erinnert einen an groß angelegte Epen wie Der Pate, zumal offensichtlich dieselben Farbfilter wie bei Coppolas Film benutzt wurden. Die beiden späteren Kontrahenten James Averill (Kris Kristofferson) und Nathan Champion (Christopher Walken) feiern 1870 ihren Abschluss in Harvard. Der Film öffnet mit einer längeren Rede durch den Dekan, es wird gescherzt und gelacht. Die Feier verlegt sich in den Garten, der in weiten Kamerafahrten eingefangen ist und die Absolventen mit ihren Freundinnen in einem riesigen Tanzgelage zeigt, das zirkulär choreographiert ist und das zentrale Motiv des Films - den Kreislauf des Lebens und die Unabwendbarkeit des Notwendigen - in ein erstes Bild fasst, welches auch später immer wieder aufgegriffen wird.

MGM
Die Szenen auf dem Fest dauern wie beim Paten fast eine halbe Stunde. Anschließend erfolgt der Zeitsprung, welcher die Handlung in Gang bringt. 1890 ist James der Marshall von Johnson County, Wyoming und Nathan ein skrupelloser Revolverheld. Immigranten aus der Donaumonarchie, aus Russland und aus dem Deutschen Kaiserreich bewirtschaften einen großen Teil des Landes im Bezirk. Spannungen entstehen, als einige der Einwanderer aus Armut und Hunger Vieh stehlen, um ihre Familien davon zu ernähren. Die Vereinigung der Viehbarone, angeführt von dem unnachgiebigen Geschäftsmann Frank Canton, stellt eine Todesliste mit 125 Einwanderern zusammen, die als Exempel gejagt und hingerichtet werden sollen. Unter den angeheuerten Killern befindet sich auch Nathan, der die Gelegenheit beim Schopfe packt und sofort begeistert Jagd auf die verarmten Bauern macht. James beobachtet die Entwicklung mit Sorge. In einem Gespräch mit seiner Geliebten, der Bordellbesitzerin Ella, die zwischen James und Nathan hin- und hergerissen ist, was zur Lösung des Konflikts nicht eben positiv beiträgt, rät sie ihm, sich in die Kampfhandlungen nicht einzumischen. Auf einem Rollschuhtanz im Heaven's Gate, einem örtlichen Vergnügungslokal, gelangt James an die Todesliste und verkündet die Namen der darauf Verzeichneten. Nun bricht ein brutaler Krieg zwischen den Fronten aus, an dessen Ende nur Verlierer stehen - tote und lebendige.

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Heaven's Gate, das ist wirklich so etwas wie die ultimative filmische Abrechnung mit der Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika. Alles an diesem Film ist extrem großspurig angelegt, ist traurig und wunderschön zugleich. Die Kamera von Vilmos Zsigmond (Unheimliche Begegnung der dritten Art, Sugarland Express) übersetzt das Grandeur, das Cimino für seine Interpretation des realen Johnson County War vorschwebte, in Bilder von zeitloser Größe. Unvergessen bleibt etwa der gigantische Blick auf den See, an dem James und Ella stehen und in die Ferne blicken, ehe die Hexenjagd so richtig anfängt. Momente wie der Tanz in Harvard, oder die fantastisch choreographierte Schlacht gegen Ende, in der die Angreifer auf ihren Pferden ebenfalls in Kreisen um die Befestigung ihrer Gegner zu tänzeln scheinen und alles im Rauch der abgefeuerten Projektile allmählich zu verschwinden scheint, sind Kino in seiner höchsten Form. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie unglaublich Heaven's Gate auf einer Kinoleinwand ausgesehen haben muss. Diese Form des epischen Erzählens ist für einen Film, dessen Premierenfassung fünfeinhalb Stunden dauerte (die bis vor einigen Jahren erhältliche, von mir gesehene Fassung dauert dreieinhalb Stunden und ist eine der längsten noch erhaltenen, nur noch die Blu Ray, die im Winter bei uns erscheinen soll, wird länger laufen), die einzig mögliche, noch dazu, wenn man Ciminos Detailversessenheit bedenkt: da gibt es eine minutenlange Szene, in der sich Kris Kristofferson vor einem runden Handspiegel (Symbolik!) rasiert. Es wird oft gezeigt, wie die Figuren Kaffee aufsetzen, sich an- oder ausziehen, wie sie zu Bett gehen, et cetera, et cetera. Ciminos Film ist eigentlich unglaublich langsam, doch dafür schafft er es, seine Handlung im größtmöglichen Maße auszubreiten und den Zuschauer seinen Film spüren zu lassen. Aus Sicht der Charakterentwicklung trägt dies ungemein zur Glaubwürdigkeit ebendieser bei. Als Ella, die auch Nathan liebt, vergewaltigt und ausgeraubt wird, weil sie das gestohlene Vieh als Zahlungsmittel in ihrem Bordell akzeptiert, entschließt sich Nathan nach langem Zögern, nicht mehr bei der Jagd auf die großteils unschuldigen Immigranten mitzumachen. Und das kaufe ich dem Film zum Beispiel ohne nachzudenken ab. Weil die Zuneigung Nathans zu Ella sehr ausführlich auf alle möglichen Arten - in Worten, Blicken, Handlungsmustern - offengelegt wird. Und dass Cimino so viele Kleinigkeiten drehen ließ, lässt auch den handlungsbogen viel flüssiger erscheinen, stellenweise schreitet Heaven's Gate lediglich von Tag zu Tag voran und beleuchtet dabei alle Aspekte des entstehenden Hasses der Viehbarone und der Killer gegenüber den Immigranten und überhaupt allen, die sich den Geschäftsmännern entgegenzustellen versuchen.

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Besonders hervorzuheben ist an Heaven's Gate die Musik: der junge David Mansfield griff für den Film hauptsächlich Motive aus der Musik Böhmens, Österreichs und Russlands auf und verwandelte sie in seinen ganz eigenen Soundtrack, der die Dramatik, die Traurigkeit und Schönheit des epischen Spätwesterns makellos zu untermalen versteht. So finden sich wiederholt Motive des russischen Kreuzer Varjag und Versatzstücke von Strauss' An der schönen blauen Donau, die die oft minutenlangen Fahrten durch das weite Land begleiten und dem Film eine mal sehr schöne, mal enorm traurige Wirkung verleihen, je nach Handlungsverlauf. Meiner Meinung nach der beste Soundtrack, der jemals komponiert wurde. Denn Mansfield vermochte es, die tiefe Emotion, die beispielsweise der Aufnahme eines kleinen Bergsees unter wolkenbedecktem Himmel innewohnen kann, in Klänge zu übertragen und den Zuschauer tief mitzunehmen. Die Musik von Heaven's Gate verdient für diese langanhaltende Wirkung wahrlich eine eigenständige Besprechung. Und so findet Ciminos Film nach dreieinhalb Stunden ein Ende: es ist 1903. Ein gealterter James steht auf seiner Yacht vor Rhode Island und blickt auf das Wasser. Er geht zu seiner Frau unter Deck und setzt sich zu ihr. Sie scheint ihn zu lieben, doch er ist sichtlich unglücklich. Ein Ende, das viele Schlüsse zulässt. Zum Beispiel die Unabwendbarkeit des Kreislaufs des Lebens als privilegiertes, geachtetes Mitglied der Gesellschaft, wie es James mit seinem guten Abschluss und seiner Rolle als Gesetzeshüter mit Sicherheit ist. Aber auch das ist nur eine Interpretation von vielen...

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Was also war nun der ausschlaggebende Faktor für den kolossalen Misserfolg von Heaven's Gate? Zum Einen ging Michael Cimino mit dem Budget ungemein verschwenderisch um. Er ließ die ganze Stadt, in der James als Sheriff arbeitet, mitten am Land nachbauen, heuerte tausende von Statisten und Pferden an, wartete mit den Drehs immer, bis ihm der Lichteinfall und die Wolkenbildung am Himmel richtig vorkamen, und so weiter, und so weiter... Der Film wurde über ein Jahr lang gedreht und verschlang am Ende 44 Millionen Dollar (inflationsbereinigt etwa 130 Millionen). Dazu kam, dass die United Artists mit dem Ergebnis mehr als unzufrieden waren und den Film radikal kürzten. Aus all dem entstand schließlich die hier besprochene Premierenfassung, die nach dem Misserfolg in New York auf zweieinhalb Stunden - weniger als die Hälfte (!) der ursprünglichen Fassung, die die Studiobosse zu Gesicht bekamen - geschnitten wurde und in den Kinos 4 Millionen einspielen konnte. Der Verlust belief sich auf 40 Millionen Dollar, was heutzutage in etwa 118 Millionen entspricht. Doch die Verluste sind meiner Meinung nach nicht alleine mit Ciminos zunehmender Unbeliebtheit bei den Studiobossen der United Artists zu erklären. Meiner Meinung nach brach die politische Aufgeladenheit der im Grunde sehr einfachen Geschichte, die noch dazu in weiten Teilen auf wahren Geschehnissen beruhte, Heaven's Gate beim amerikanischen Publikum und der Kritik endgültig das Genick. Fünf Jahre nach Ende des verlorenen Vietnamkriegs wollte man sicher nicht an die eigene, angeblich so glorreiche, mit Blut getränkte Vergangenheit erinnert werden. Der Johnson County War war letztlich auch nur eine kleine Randnotiz der jahrzehntelangen Annexion des amerikanischen Westens durch die US Army, die die ursprünglichen Bewohner jener Landstriche brutal ausrotteten und sie entmündigt in kleinen Reservaten abluden. Und DAS wollte 1980 bestimmt kaum ein Amerikaner wahrhaben. Diese Diskrepanz wird noch deutlicher, wenn man sich vor Augen hält, dass der Film in Europa für die Goldene Palme in Cannes nominiert war und heutzutage bereits Klassikerstatus innehat. In Amerika wurde der Film für fünf Goldene Himbeeren (Film, Regie, Hauptdarsteller, Soundtrack, Drehbuch) nominiert und wird - zumindest in populärorientierten Blogs und Magazinen - bis heute als The Worst Movie Ever Made abgestempelt. Ciminos Ansehen, das nach The Deer Hunter astronomisch hoch gewesen war, war auf ewig ruiniert und Nachfolgeprojekte wie Im Jahr des Drachen oder Der Sizilianer wurden von der Rezension ebenso vernichtet wie Heaven's Gate. Man sieht also, dass der Film mit seinen Topoi von amerikanischem Extremkapitalismus und seinen grausamen Folgen im Amerika der frühen 80er zum Scheitern prädestiniert war. Und das, weil viele Amerikaner meiner Meinung nach von Patriotismus verblendet sind. Soviel zur Medienfreiheit.

So bleibt also mit Heaven's Gate ein Film, der absolut katastrophale Vorraussetzungen mit generellem Missverständnis des Publikums zu einem legendär gewordenen Flop in bis dahin ungekanntem Ausmaß kombinierte. Doch sieht man von all dem ab (und ich weiß, das ist schwer - immerhin habe ich es gleich zu Beginn erwähnt), dann erwartet einen einer der größten, der emotionalsten und großartigsten Western Geschichtsfilme, die je gedreht wurden (ich kann den Film einfach nicht guten Gewissens als Western bezeichnen). Man kann sich Heaven's Gate vielleicht nicht jeden Tag ansehen. Aber wenn man ihn sich ansieht, dann ist es jedes Mal ein ungemein nahegehendes, deprimierend-schönes Erlebnis. Und bei all meiner Amerika-Kritik hier sollte sich jeder an dieser Stelle der Tatsache bewusst werden, dass unmenschlicher, herzloser Kapitalismus, der sich im Handeln unzähliger einflussreicher Menschen Tag für Tag widerspiegelt, im Großen wie im Kleinen, auch bei uns natürlich allgegenwärtig ist. Und besonders in den heutigen Zeiten verstärkter Grenzkontrollen und aufgeschürten Hasses gegenüber Einwanderern ist Heaven's Gate womöglich aktueller denn je.

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