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Phil Collins - Face Value

Virgin

Scheidungen sind schrecklich - außer sie werden in den Händen eines findigen, frisch geschiedenen Musikers zu Gold und infiltrieren Millionen Gehörgänge weltweit. Und im Fall Phil Collins gingen sich gleich drei Platten damit aus - wobei sein Debut selbstverständlich den Anfang macht. Wipe off that grin...

I can feel it coming in the air tonight. Mit diesen weltberühmten Zeilen beginnt der erste Longplayer des damaligen Genesis-Leadsängers und legt auch gleich die Grundstimmung der nächsten vierzig Minuten fest: denn von seinen persönlichen Krisen schwer mitgenommen, spielt Phil Collins zwischen 1979 und 1981 ein sehr, sehr düsteres Album ein, das von Schuldzuweisungen, Hass und Selbstmitleid getragen wird. Ganz anders als der Star, den man bis heute für Muntermacher wie You Can't Hurry Love oder ganz softe Balladen wie One More Night und Against All Odds kennt.

Erwähntes In the Air Tonight ist jedenfalls eine perfekte Synopsis der Leitmotive von Face Value; der kalte und brutale Drumsound, der - von Collins und Produzent Hugh Padgham eher zufällig entdeckt - anschließend die gesamten 80er hindurch von allen nur möglichen Künstlern kopiert wurde, lässt keinen Zweifel an der erbarmungslosen und unnachgiebigen Perspektive, mit der sein Hauptdarsteller auf die jüngere persönliche Vergangenheit zurückschaut. Der Text, vor allem eine Variation des egal was sein wird, ich helfe dir sicher nicht-Motivs, ist da schon nur mehr bittere Nebensache, die jedoch das Gesamtbild eines der wohl unüblichsten Radiohits der Geschichte ziemlich gelungen abrundet. Und spätestens bei dem berühmten Schlagzeug-Brake zum Finale stehen wir eh alle auf und prügeln die Luft wie John Bonham auf Drogen, oder?

This Must Be Love und Behind the Lines muten dann wie vom vorangegangenen Genesis-Album Duke an (wobei: Behind the Lines ist ohnehin eine Neueinspielung des Openers von Duke) - das Hauptthema derselben Platte, nämlich das Hinterherlaufen hinter imaginären Seelenverwandtschaften und die Verzweiflung, die den Aufrechterhalter dieser Imaginationen nach und nach befällt, bildet auch hier den Background für eine Instrumentierung, die zwischen Intimität und gespieltem Jubilieren wechselt und den Hörer eigentlich bei jeder Note mehr und mehr runterzieht. Auch The Roof Is Leaking hat noch was von Genesis, erinnert jedoch mit allerlei schrägen Tönen bereits an den Wahnsinn der zweiten Collins-LP Hello, I Must Be Going!. Jedoch ist The Roof noch stark verbesserungswürdig, zumal die Demo-Version des Songs wesentlich effektiver Stimmung erzeugt als der fertige Mix - schade, schade!

Daraus fließt das Album direkt in die Instrumentals Droned und Hand in Hand über, die dem ehemaligen Band-Kollegen Peter Gabriel alle Ehre machen würden und ebenfalls auf dessen viertes Album von 1982 gepasst hätten. Collins' Bläser-Sektion, die Phoenix Horns von Earth, Wind & Fire, dürfen sich im zweiten Part des Doppeltracks richtig austoben und erzeugen mit den Hintergrundstimmen eine einmalige Stimmung zwischen Erlöschung und Erlösung - großartig! Das macht ja richtig Spaß, sich in Phil Collins reinzuhören! Des weiteren finden sich in der zweiten Hälfte dann die erwähnten Selbstmitleidsmotive, für die man Phil Collins (leider) auch kennt - I Missed Again etwa oder das grausam-schrille If Leaving Me Is Easy. Thunder and Lightning ist dann noch ein weiteres Highlight vom Grandeur des Openers In the Air Tonight, bevor ein Cover des psychedelischen Beatles-Songs Tomorrow Never Knows den Schlussstrich unter eine Dreiviertelstunde Schmerz und Trauer mit Phil Collins setzt.

Face Value ist noch ein etwas zweischneidiges Schwert bei Phil Collins: es ist atmosphärisch noch lange nicht so ausgereift wie Hello, I Must Be Going! und im Gegensatz zu No Jacket Required wollen auch die griffigen Radiohits noch nicht so wirklich gelingen. Besonders in der ersten Hälfte ist das Debut des Briten jedoch unheimlich stark und überzeugt durch eine bis dahin kaum gehörte Bosheit und Düsternis - immerhin von der Stimme, die drei Jahre zuvor noch gemeinsam mit Genesis und dem romantischen Follow You Follow Me weltweit in die Charts stürmte. Nicht umsonst wurde dieser Erstling ein großer Erfolg weltweit - die Abkehr vom soften Sound der damaligen Genesis-Radiohits ist bemerkenswert. Die Platte ist ein sehr überblicksmäßiger Einstieg in die verschrobene, oft dunkle Seelenlandschaft von Phil Collins, wenn auch noch nicht ausgereift. Macht 4 von 5 Punkten für die Bewertung und denkt dran: You Can't Hurry Love. ;)

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