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Let's think the unthinkable - Dirk Gently's Holistic Detective Agency

BBC America

Everything is connected. Für den Privatdetektiv Dirk Gently ist das kein Motto, sondern ein Lifestyle - die wichtigste Serie der Gegenwart.

Jeder kennt das: diese Tage, an denen scheinbar zufällige Dinge so perfekt ineinander greifen und einem den Weg zu einem großen Ziel so ebnen, dass man eigentlich nur noch ohne nachzudenken durch den Tag spazieren kann, weil man weiß, dass alles genau so passieren wird, wie es soll. Diese seltenen Tage sind etwas sehr Erfreuliches, und eine solche Dynamik in Serie zu erleben, das ist immer ein Ereignis. Dirk Gently's Holistic Detective Agency setzt einfach mal alles - jedes Wort, jedes Ding und jeden Charakter - miteinander in Verbindung und wirkt wie eine durch und durch vollkommen abgedrehte Mischung aus Twin Peaks und Sherlock. Worum es in der Serie eigentlich geht und ob sie gelungen ist, das erfahrt ihr in den kommenden Absätzen - viel Vergnügen!

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Everything is connected. Der Hotelangestellte Todd Brotzman möchte eigentlich nur seinen Boss um eine Gehaltserhöhung bitten und einen weiteren eintönigen Arbeitstag hinter sich bringen. Er nimmt den Aufzug in die Luxussuite des obersten Stockwerks, um den Gästen beim Checkout zu helfen. als er jedoch aus dem Lift tritt sieht er sich selbst am Ende des Ganges mit einem Unbekannten sprechen. Als wäre dies noch nicht genug, findet er die Gäste der Suite tot vor und alles deutet darauf hin, dass sie in der Suite von einem riesigen Hai umgebracht wurden. Todd wird zu einem Verdächtigen und wird sehr bald von dem holistischen Detektiv Dirk Gently belagert, für den alle Ereignisse ganz natürlich miteinander zusammenhängen und der vom Mordopfer vor dessen Ermordung beauftragt wurde, selbige aufzuklären. Ich glaube, mehr muss ich gar nicht sagen, um das Wesen dieser Serie zu beschreiben. In der ersten Staffel dreht sich der Plot anschließend um eine Maschine des Erfinders Zachariah Webb (ein Vorfahr des Mordopfers), einen Kult, der diese Maschine durch einen Fehler gefunden und für sich beansprucht hat, das mysteriöse Geheimprojekt Blackwing, Rowdys mit übermenschlichen Kräften, viele Zeitreisen und eine unsterbliche Attentäterin, die mit dem Taxifahrer Ken durchs Land zieht, um Dirk Gently umzubringen. Und dabei gilt immer: Everything is connected.

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Staffel 2 dreht sich dann um eine Prophezeihung aus dem Märchenreich Wendimoor, die besagt, dass Dirk Gently the Boy, den Jungen also, der Wendimoor mit der Kraft seiner Fantasie erschaffen hatte, zurück in das Land bringen würde, um den Krieg zwischen den verfeindeten Familien zu beenden. Außerdem gibt es die verrückte Suzie, die eigentlich nur durch Zufall in die ganze Sache hineingerät und von dem bösen Zaubermeister und dessen Versprechungen, Suzie zur Königin von Wendimoor zu machen, so angetan ist, dass sie wahnsinnig wird und mit dem Zauberstab des Meisters alle Menschen aus ihrer Umgebung umbringt oder in Trance setzt, bis sie nach Wendimoor kommt und auch dort für Chaos und Verwüstung sorgt. Weiters gibt es ein Schiff, das vom Himmel in ein Feld gefallen ist, ein Auto in einem Baum und ebenfalls wieder das Projekt Blackwing, dessen Befehlshaber irgendwann absolut nichts mehr von den Ereignissen versteht und mit glasigem Blick alles verfolgt, was um ihn herum passiert.

Man merkt es wahrscheinlich schon: Dirk Gently's Holistic Detective Agency ist keine Serie für jeden. Wer nicht bereit ist, irgendwann alles als logisch und miteinander verbunden anzusehen und einfach irgendwann nichts mehr zu hinterfragen, der wird mit der Serie gewaltige Probleme haben. Love it or hate it - dieses Motto ist wie für Dirk Gently geschaffen. Die Serie ist wahnwitzig inszeniert, sie legt ein hohes Tempo an den Tag und die Gagdichte ist trotz oft tragischer Momente unglaublich hoch und, was noch wichtiger ist: die Gags zünden einfach. Die Dialoge sind so unwahrscheinlich lustig, oft so herrlich schwachsinnig und abgedreht, dass man in vielen Folgen mit einem Dauergrinsen dasitzt und einfach nur genießt, was das Team um diese Serie wunderbares auf den Bildschirm gezaubert hat. Man nehme etwa folgenden Austausch zwischen zwei Blackwing-Mitarbeitern als Beispiel des genialen Wahnsinns der Serie: I got a shot. - Okay, listen: our goal is to observe and protect the primary, not to kill anybody. Do you understand? - Yes, yes, I understand... I got a shot.

Und diese Dialoge sind nur die Spitze des Eisbergs: denn die Figuren sind so glaubwürdig und detailliert geschrieben, dass die Serie bravourös auf dem schmalen Grat zwischen Nachvollziehbarkeit und Realitätsverlust wandelt, dabei souverän den einen Arm auf die eine, den anderen auf die andere Seite streckt und dabei konstant ein hohes Niveau halten kann, auf dem die Plots und Charakterentwicklungen stattfinden. Da fällt es einem als offener Zuschauer gleich viel leichter, einfach hinzunehmen, dass alles miteinander verbunden ist; man denkt aktiv mit, fiebert mit den Figuren mit und lässt sich einfach in die fantastische Welt von Dirk Gently fallen, man genießt einfach jeden Satz, der gesprochen wird, findet jede Wendung der Handlung großartig und am Ende ist ja ohnehin alles logisch, denn: Everything is connected. Besonders in der zweiten Staffel gewinnt auch der Charakter des Dirk viel an Tiefe, denn während er in der ersten noch wie ein total schräger, eindimensionaler Sidekick wirkte, beginnt er in den neueren Folgen, den Lauf der Welt zu hinterfragen und denkt auch oft daran, sein Detektivtum an den Nagel zu hängen und zu akzeptieren, dass er nicht weiterkommt. Dadurch springt der Funke zwischen Zuschauer und abgedrehter Handlung noch schneller über als in der ersten Staffel und wir lernen den Menschen Dirk Gently besser kennen, was in einer so fantasievollen Serie mit Abstand das Wichtigste ist - Kudos an den fast alleinigen Autor und Erfinder der Serie, Max Landis, der die Vorlagen von Douglas Adams (Per Anhalter durch die Galaxis) kongenial ins Serienformat übertrug - wenn einer den Anhalter fürs Heimkino adaptieren sollte, dann nur er und kein anderer!

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Die Drehbücher werden von dem Ensemblecast ebenfalls auf dem höchsten Niveau gespielt: Samuel Barnett, hauptsächlich als Theaterschauspieler in England tätig, verkörpert den titelgebenden holistischen Detektiv Dirk Gently mit einer herrlich britischen Exzentrik, Elijah Wood als Todd muss einfach irgendwann alles akzeptieren, was um ihn herum eigentlich passiert und wird immer mehr so wie Dirk, die Kampfmaschine Farah wird von der toughen, dabei stets charmanten Jade Eshete verkörpert und Fiona Dourif darf als Attentäterin Bart dem Universum zu ihren Mordopfern folgen. Alle Darsteller leben hier für ihre Rollen und man merkt einfach, dass jeder gigantischen Spaß an der Serie hatte. Die Nebenfiguren lesen sich wie aus den besten britischen Sonntagskrimis: ein durch und durch liebenswerter und leicht zu begeisternder Kleinstadtpolizist, zwei homosexuelle Krieger aus dem Märchenland Wendimoor, ein alter Messi, der mit seinem Hund im Chaos lebt und gleichzeitig einen Kult anführt oder der gnadenlose Killer aus dem Projekt Blackwing geben sich während der bislang 18 Episoden die Klinke in die Hand und sorgen für viele unvergessliche Momente sowie jede Menge Spaß und Abwechslung. Die Interkonnektivität zwischen den beiden Staffeln belohnt genaues Zusehen (etwa eine Übergabeszene an einer Brücke, die jedes Mal komplett aus dem Ruder läuft) und zeigt nur erneut, mit welcher Liebe hier gearbeitet wurde.

Dirk Gently's Holistic Detective Agency ist einfach nur komplett abgedrehtes Heimkino mit einer Menge Spaß und völlig surrealen Momenten, die einfach nur genial anzusehen sind. In Zeiten diverser globaler Krisen und Serien, die meinen, zu denselben Stellung beziehen zu müssen und ihr Publikum immer und immer wieder daran erinnern müssen, ist eine solche Serie, die irgendwelche Unterscheidungen einfach komplett streicht, keinen realpolitischen Bezug aufweisen muss und ihr Publikum einfach nur in eine vollkommen irre, durch und durch andersartige Welt mitnimmt, dabei auch gleich alles miteinander in Verbindung sieht und sich somit viele Fragen erspart, ein wichtiger Akt der Revolution auf dem Bildschirm. Was diese Welt braucht, das ist die Fantasie, die Berge versetzt und das Leben aller erleichtert und verbessert, die Grenzen zerstört und alles urteilsfrei akzeptieren kann, ohne Hintergedanken und Vorurteile. Was diese Welt braucht, das ist weniger Sheldon Cooper und mehr Dirk Gently.

Höchstwertung.


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