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Blue Velvet (1986)

 
DeLaurentiis Group/MGM

Die Grenzen zwischen den Bewusstseinsebenen des Menschen, zwischen Alltag und Abgrund, sind fließend. Und was Regielegende David Lynch spätestens mit Twin Peaks auf die Spitze trieb, wird bereits in seinem filmischen Durchbruch Blue Velvet von 1986 zum Spiegel, in dem sich eine ganze Nation, vielleicht die ganze Menschheit wiederfinden und betrachten kann. Ein Film über das Unbewusste, das Animalische, den Abgrund des Lebens in einer scheinbar zivilisierten Welt.


Weiße Zäune, rote Rosen, fröhlich winkende Feuerwehrmänner und strahlender Sonnenschein: Lumberton, North Carolina ist eine typisch amerikanische, spießige Kleinstadt. Dass damit etwas gehörig nicht stimmt, wird dem zynischen Zuschauer ohnehin schon in der allzu idyllischen Eröffnungssequenz klar, in der sich der junge Collegestudent Jeffrey auf den Weg zu seinem Vater, der im Krankenhaus liegt, macht. Der naive, stets gut aufgelegte Jeffrey hat genauso wenig Ahnung von den bevorstehenden Ereignissen wie das Publikum, vielleicht sogar noch weniger. Als er auf dem Weg zurück nach Hause ein abgetrenntes Ohr, das bereits von diversen Insekten angeknabbert wird, findet, ist sein erster Instinkt natürlich, schnurstracks zur Polizei zu gehen und den Fund zu melden. Am Abend darauf trifft er schließlich auf die Tochter des Polizisten, mit dem er über das Ohr gesprochen hatte und sie erzählt ihm von einer Frau namens Dorothy, die aus geheimen Gründen beschattet wird.

Und genau hier beginnt sie, die Höllenfahrt in die Tiefen des Unbewussten, des Animalischen, vielleicht gar der Essenz des menschlichen Lebens an und für sich. Szenen wie die, in der Jeffrey von Dorothy in deren Wohnung erwischt wird, sich ausziehen muss, von ihr oral verwöhnt wird, ehe er sich erneut im Schrank verstecken muss, um mitanzusehen, wie Dorothy von einem Mann namens Frank, der ein mysteriöses Nervengas einatmet und wie wahnsinnig an der Frau zerrt, von der er sich "Daddy" nennen lässt, vergewaltigt wird, stehen neben Sequenzen, in denen Dorothy im blauen Licht eines Nachtclubs das titelgebende Blue Velvet singt. Die Handschrift Lynchs, der alltägliche Szenen urplötzlich ins Surreale kippen lässt und das Publikum mit Stilbrüchen leidenschaftlich an der Nase herumzuführen scheint, war spätestens mit diesem Werk, das den endgültigen Durchbruch für seinen Regisseur bedeuten sollte, gefunden. Dabei ergeht sich dieses Frühwerk noch nicht in ewig langem Lichtgeflacker wie Inland Empire und auch die exorbitante Langsamkeit von Twin Peaks hält sich in Blue Velvet noch sehr im Rahmen - man könnte schon fast sagen, der Film sei ein (gelungener) Versuch Lynchs, sich auf eine ähnlich schwarzhumorige Weise, die seine spätere Serie On the Air gnadenlos untergehen ließ, im Mainstream Hollywoods zu etablieren, nachhdem dieser Versuch mit Dune zwei Jahre zuvor ja grandios gefloppt war.

Dabei ist Blue Velvet doch so viel auf einmal: was vor allem durchscheint, das ist ein bitterer, sarkastischer Kommentar zur menschlichen Sexualität, zur männlichen Begierde, die unter der Regie Lynchs zur aberwitzigen Animalie verkommt - als Jeffrey mit Dorothy schläft, meint diese im Anschluss Er hat sein Gift in mich gespritzt. Hält man sich jetzt das Monsterbaby aus Eraserhead vor Augen, ergibt sich ein in sich geschlossenes Bild von Sexualität, das aus Lynchs Oeuvre spricht. Auch in Twin Peaks finden sich ziemlich gewagte sexuelle Vorlieben, tragen Frauen Beiß- und Kratzspuren vom Beischlaf davon und benehmen sich die männlichen Akteure in diesem Spiel wie die primitiven Lebensarten, die sie bei Lynch wahrscheinlich allesamt auch sind. Im krassen Gegensatz dazu steht - ebenfalls wie bei Twin Peaks - die unwirkliche Schönheit der Frau, hier verkörpert durch Isabella Rossellini (Wild at Heart),  die die Sängerin Dorothy mit größter Verletzlichkeit und (in diesem Fall mütterlicher) Liebe verkörpert und wenn Jeffrey sie in einer Szene innig umarmt, spürt das Publikum, dass auch Lynch sie im Geiste umarmt. Denn er erkundet die verschiedenen emotionalen Facetten seiner weiblichen Figuren auf eine solch eindringliche Art und Weise, dass jeder, der dem Film beiwohnt, wohl genau das Gleiche tun würde.

MGM
Und letzten Endes bleiben von dem wilden Trip, der Jeffrey noch auf eine "Vergnügungsfahrt" mit Frank und seiner Gang führt und erneut in Dorothys Wohnung zu einem Ende findet, drei Leichen, ein sichtlich komplett überforderter Jeffrey und eine Mutter, die mit ihrem entführten Kind wiedervereint ist, übrig. Auf dem Weg in den Abgrund und wieder hinaus lernt der Protagonist - und sein Publikum mit ihm - die Extreme menschlichen Verhaltens, die Machtspiele, den Hang zum Verbrechen, der uns allen womöglich innewohnt, kennen. Und so bleibt auch ein mulmiges Gefühl, als Blue Velvet nach zwei Stunden so idyllisch endet, wie er angefangen hat: mit einem neu gefundenen Liebespaar, dem aus dem Krankenhaus entlassenen Vater, einem weißen Zaun, Rosen und einem fröhlich winkenden Feuerwehrmann.

Blue Velvet, das ist der Film, mit dem David Lynch endgültig zu seinem Stil gefunden und sein Stammpublikum ihn lieben gelernt hatte. Als enorm wichtiges Übergangswerk zwischen dem Erstling Eraserhead und seiner legendären Serie Twin Peaks steht der Film aus dem Jahr 1986 nach wie vor über den meisten anderen aus seiner Zeit - der Film kann immer noch so schockieren, wie er es vor 32 Jahren wohl getan haben muss (immerhin war Lynchs Film höchstumstritten bei Kritik und Publikum), weil die von ihm entstellten Funktionsweisen menschlichen Zusammenlebens heutzutage noch genauso real sind. Dabei findet Lynch bereits seine Vorliebe für Rot- und Blautöne, die oft traumhaft schöne Bilder erschaffen. Gleichzeitig wirken viele Sequenzen, eigentlich der ganze Film, wie ein komplett irrealer Traum mit gänzlich eigenen Regeln und Logiken. Dorothy, obgleich wir sie die meiste Zeit unterwürfig und verletzt sehen, wirkt auf mich beim Zusehen eigentlich wie eine Art Fels in der Brandung, sie ist es schließlich auch, die in Jeffreys 'alltägliches' Leben Einzug hält und damit endgültig symbolisch für die niedergerissenen Grenzen zwischen den menschlichen Bewusstseinsebenen steht. Die Musik von Twin Peaks-Chefkomponist Angelo Badalamenti, der für den Soundtrack bereits Unterstützung von Julee Cruise, der blonden Sängerin aus Twin Peaks, erhielt, untermalt den Film, der oft mit extremen Stilbrüchen arbeitet, gekonnt und transportiert eine ähnlich zerrissene Atmosphäre wie die dazugehörigen Bilder, bei denen man nie weiß, ob man jetzt lachen, weinen oder einfach nur ganz laut schreien soll. Oder vielleicht sollte man einfach wie Frank verrückt lachen und sich einen blauen Samtmantel in den Mund stecken. Wer weiß das schon so genau?

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