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Die Fantastischen Vier - Lauschgift

Columbia
Kommt schon, das musste nach der RHP-Rezension einfach sein. Und außerdem: Lauschgift war mit Sicherheit das erste Album, das ich in meiner Leidenschaft als Musikhörer im Kindergartenalter von vorne nach hinten durchgehört habe. Bedenklich? Vielleicht - doch viel eher einfach geil. Wir hatten das ja bereits - das Rödelheim Hartreim Projekt diente den Fantastischen Vier primär als Anheizer, zurück ins Studio zu verschwinden und den insgesamt vierten Longplayer einzuspielen. Am 11. September 1995 schließlich hauen die vier Stuttgarter Jungs mit Lauschgift die klare Antwort auf Direkt aus Rödelheim raus und entdecken gleichzeitig eine neue Tiefe für ihre Musik, welche in dieser Form leider nie wieder auf einem F4-Album zu finden sein würde. Das Ergebnis - höchst interessant und in vielerlei Hinsicht revolutionär im deutschen Hip Hop. Aber lest selbst...

Filmkenner haben es bereits geahnt: der Albumtitel wurde kurzerhand  bei Frühstück bei Tiffany geliehen, ebenso das Intro, nach dem mit Populär auch gleich zum ersten Rundumschlag gegen Kritiker und Rivalen ausgeholt wird - sterben kannst du nicht, wenn du in aller Leute Köpfe warst. Sie ist weg ist dann der große Radiohit des Albums, der als würdiger Nachfolger der Hits Die Da?! und Tag am Meer wesentlich zum Verkaufserfolg der Platte beigetragen haben dürfte und die berechtigte Frage nach einem Oscargewinner ohne weibliche Hauptrolle aufwirft (ich würde übrigens sagen, es war Lawrence von Arabien... zum Beispiel ;) ). Im Allgemeinen ist die Gangart auf Lauschgift jedoch mit Sicherheit eine härtere, als es die Singles anno 1995 vermuten ließen - natürlich durch RHP und besonders Moses Pelham angestachelt. Auf Was geht konstatiert Thomas D in bester Beastie-Boys-Manier: du bist nur die Single, aber ich bin die LP/du bist verdünnt und verwässert, doch ich bin das hohe C! Die Truppe war sichtlich daran interessiert, ihre credibility aufzufetten. So kommen Samples aus Ice Cubes hartem No Vaseline genauso zum Einsatz wie Techno-artige Soundwände in Brems 2000, Filmzitate aus Dune und Harold und Maude finden in den atmosphärisch dichten Produktionen von And.Ypsilon genauso Verwendung wie Alfred Einsteins Glaubensbekenntnis, während der Grandmaster of Noyze, Rahzel Brown von den Roots, auf Locker bleiben seine Beatbox-Künste hören lässt, einem Stück, das den Kritikern deutschen Hip Hops nur eins zu sagen hat: Charts breaken, Hip-Hop-Beats, geht das doch? Ich mag es nicht, müßig zu erörtern und mit Wörtern zu beschreiben, weil es einfach ist: immer locker bleiben! 

Ein gepflegtes fuck all y'all an jegliche Form gesellschaftlicher Konvention stellt auch mein Liebling des Albums, Michi gegen die Gesellschaft, dar, in dem die Fanta 4 nach dem Kiffen im Studio zuerst aus dem Zug geworfen werden, um im Anschluss wegen ihres schlechten Einflusses jenseits von Sünde, Reue und dem restlichen Kitsch exekutiert zu werden. Die Beastie Boys und Licensed to Ill, Ice Cube und AmeriKKKa's Most Wanted lassen grüßen. Lauschgift war damals in vielerlei Hinsicht ein Umbruch für die Fantastischen Vier: vorbei der Radio-Sprechgesang von jetzt geht's ab, die verträumt-psychedelischen Soundexperimente von Die 4. Dimension höchstens noch im Ansatz vorhanden, katapultieren die vier Stuttgarter den deutschen Hip Hop mit ihrer neu gefundenen Härte fast im Alleingang in ungeahnte Höhen: Platz 2 der deutschen Albumcharts und die Spitze der Singlewertung mit Sie ist weg machen 1995 auch den letzten Kritikern klar: die vier ist im Platz! Aber auch philosophische Themen findet man auf Lauschgift, so geht etwa Thomas und die Philosophie den Fragen nach der Berechtigung von Regeln und der eigenen Existenz nach, Konsum entführt in die Tiefen desselbigen und Krieger thematisiert den Ausbruch aus dem gesellschaftlichen Konsens sowie die Erfüllung individueller Träume, und sei es gegen jede Chance. Genau diese Mischung aus Härte und philosophischer Lyrik auf sanften Beats im Geiste von A Tribe Called Quest oder Nas ist es, die Lauschgift auch 23 Jahre nach Erscheinen noch so reizvoll macht und die mich schon seit früher Kindheit immer wieder aufs Neue fesselt. Schade, dass die Fanta 4 in den Jahren danach vor allem für platte Hätte-Könnte-Sollte-Phrasierungen anstatt für tiefgreifende Betrachtungen gesellschaftlicher Mechanismen, eine gute Portion Humor und das gewisse Quentchen Härte gut sind. Auf Lauschgift jedoch, da konnte sie keiner stoppen.

Der Zauber der Musik gibt auch dir die Kraft/geh den nächsten Schritt, dann hast du's geschafft...


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