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Public Enemy - Fear of a Black Planet

Def Jam

Wer kennt es nicht: da wandert eine CD in die Sammlung, nur um nach einem Durchlauf als
ganz ok abgestempelt zu werden und im Regal zu verschwinden, um Staub anzusetzen? Mir ist's bei Fear of a Black Planet von Public Enemy so ergangen (eigentlich bei fast allen Hip Hop-Alben, die ich jemals gekauft habe) und als ich die Scheibe dieser Tage mal wieder in den Händel hielt, da hab ich mir ein Glas Whiskey geschnappt, mich in die Frühlingssonne gesetzt und die Anlage aufgedreht - Zeit für eine Neubetrachtung.

Public Enemy - dieser Bandname steht wie kaum ein zweiter für Konfrontation, für heftige Kontroversen und einen eindeutigen Hang zum Extremen. Das machte bereits die Vorgängeralben Yo! Bum Rush the Show und im Speziellen It Takes A Nation of Millions to Hold us Back zu groß angelegten Skandalen, zum Stoff zahlreicher öffentlicher Debatten in den USA, in deren Zuge zum Einen die Rassismusprobleme des "freiesten Landes der Welt", andererseits aber auch problematische Gesinnungen einzelner Bandmitglieder zur Sprache kamen. Man sieht, die Gruppe war nach zwei Platten bereits ein heißes Eisen, gewissermaßen ein soziales und kulturelles Phänomen, mit dessen Impact kaum jemand gerechnet hätte. Als im April 1990 die dritte LP der Formation um Frontmann Chuck D erschien, war Stress von allen Seiten also vorprogrammiert. Und Fear of a Black Planet ist nach mittlerweile fast 30 Jahren wohl immer noch eine der heftigsten Kampfansagen der Musikgeschichte.

Contract on the World Love Jam greift die extrem angespannte Stimmung rund um die Band, die nach der 1989 erschienenen Nummer-1-Single Fight the Power nahezu ungeteilte Aufmerksamkeit in der Hip-Hop-Berichterstattung genoss, auf und vermischt Extrakte aus verschiedenen öffentlichen Stellungnahmen zu den Songtexten (their lyrics are rather controversial... there is something changing in the climate of consciousness on this planet today... if you don't know your past, you don't know your future) zu einer gedrückten Einleitung, bei der jede/r genau weiß, dass gleich mal ein gewaltiger Knalleffekt folgen muss - help us break this down from off the shelf, here's a music servin' you so use it, Papa's got a brand new funk feuert "Lyrical terrorist" Chuck D gleich los und damit ist jedem klar, was nun angesagt ist. Noch dichter als auf den beiden Vorgängerplatten ist hier der Soundteppich, den die Bomb Squad hier ausrollt: auf avantgardistische Art reihen sich Samples von James Brown, von Prince, Michael Jackson, den Beatles, Diana Ross und nicht zuletzt Public Enemy selbst an einer schier endlosen wall of noise aneinander, während Chuck D, Flavor Flav sowie allerhand namhafte Gastrapper wie etwa Ice Cube oder Big Daddy Kane (beide bei Burn Hollywood Burn) gegen die surreale Klangwand rappen und ihre Messages vom Alltagsrassismus in den USA (911 Is A Joke, eigentlich aber so gut wie alle Tracks) sowie vom überfälligen Kampf gegen die powers that be (Fight the Power) ihren Millionen von Anhängerinnen und Anhängern zurufen, mit gewaltiger Dringlichkeit - das soziale Klima muss zu diesem Zeitpunkt enorm aufgeladen gewesen sein. The counterattack on world supremacy - Public Enemy rappen verlässlich gegen so ziemlich jeden, der sich mit ihnen anlegt.

Dass die Gruppe dabei auch durchaus in gefährliche Nähe zur Homophobie (Man to man, I don't know if they can, from what I know the parts don't fit heißt es etwa in Meet the G that killed me) oder zum Antisemitismus gerät, ist nach wie vor problematisch, will man beim Anhören der Platte aus dem Vollen schöpfen. Immerhin ging die Anti Defamation League besonders wegen der Behauptungen des Bandmitglieds Professor Griff, Juden würden AIDS-Experimente in Südafrika durchführen, schon länger gegen die Gruppe vor und sah in der Zeile apology made to whoever pleases, still they got me like Jesus einen eindeutigen erneuten Angriff des Judentums als Ganzes. Und auch, wenn die Lyrics im Vergleich zu It Takes A Nation of Millions to Hold Us Back bei weitem nicht mehr so deutlich nach Extremismus tönen, stoßen einem als Hörer Zeilen wie die Genannten durchaus sauer auf. Vor allem, weil andere Songs wie etwa Burn Hollywood Burn oder Fight the Power zeigen, dass Public Enemy bei aller Heftigkeit ihre Kritik trotzdem formulieren können, ohne in derartige Tiefen abzurutschen - kann bei solcher umfassender Betrachtung von Unterdrückung und sozialen Misständen passieren, könnte man vielleicht sagen. Trotzdem sind solche Ausfälle - besonders bei einer Gruppe, die so gegen soziale Ungleichheit ankämpfen möchte - vollkommen inakzeptabel.

Zum Glück sind nur drei oder vier Passagen des Albums von derartiger Wortwahl befallen. Und was den Rest der insgesamt 20 Tracks, Skits und gelegentlichen bloßen Soundspielereien angeht, bleibe ich beim zuvor Geschriebenen, dass die Atmosphäre einfach nur der absolute Wahnsinn ist - die Samples alleine kreieren in ihre bloßen Anzahl und Unüberschaubarkeit eine Stimmung ständiger Bedrängnis und Paranoia - so tiefe Gefühlslagen durch Schnipsel anderer Künstler so präzise zu beschreiben und zu vermitteln, ist wirklich eine Glanzleistung, die bis heute wohl einmalig sein dürfte. Das mag vielen Hip-Hop-HörerInnen zwar zuviel des Guten sein, da der Fokus wirklich auf den Lyrics und weniger auf fetten Beats und viel Bass liegt, die Produktion somit etwas flach rüberkommt - doch wenn man sich darauf einlassen kann und in DIESE Soundwelten eintaucht, dann steht einem nach spätestens zehn Minuten der Mund ganz weit offen. So geht Hip Hop! Und wenn die Platte nach über einer Stunde mit dem Aufruf Power to the people, no delay/Make everybody see in order to fight the powers that be endet, dann taumelt man von dem Gehörten fast so wie als Politiklaie nach einer Parteikundgebung - aber im positiven Sinne. Social conscience at its best (und manchmal auch at its worst). Kein Wunder, dass die Kontroverse um die Band nach dieser Platte verlässlich weiter zunahm - so heftig, so offensiv und so atmosphärisch aufgeladen war zuvor keine Hip Hop-Scheibe gewesen. Und das ist auch in den 28 Jahren seit Release noch keinem anderen Album gelungen.

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