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Rödelheim Hartreim Projekt - Direkt aus Rödelheim

3p
Während 1994 in den USA Snoop Dogg, Dr. Dre und der Wu Tang Clan mit ihrem harten Rap von der Straße schon längst den Ton der Hip-Hop-Charts angeben, hinkt der deutschsprachige Raum zur selben Zeit gehörig hinterher - bis auf die Fantastischen Vier gibt es so gut wie keine deutschen Rapper, die landesweit bekannt sind. Und die Gruppe aus Stuttgart geht das Ganze auch eher spaßig an - harter Rap so gut wie Fehlanzeige.

Das stößt besonders dem Frankfurter Musiker Moses Pelham sauer auf, der nach mehreren gescheiterten Bandprojekten 1993 das Label 3p gründet, auf dem unter anderem Xavier Naidoo und Sabrina "Schweter S." Setlur ihre ersten Veröffentlichungen releasen werden. Gemeinsam mit dem gleichartig von Hip Hop begeisterten Thomas Hofmann gründet Pelham im selben Jahr das Rödelheim Hartreim Projekt, das sich den Kampf gegen den poppigen "Sprechgesang" der Fantastichen Vier auf die Fahnen schreibt und das Flair des oft skandalumwitterten Gangsta Rap aus den Vereinigten Staaten nach Deutschland bringen möchte. 1994 erscheint schließlich das Debut des Duos unter dem Titel Direkt aus Rödelheim und bereits der Titel - eine wörtliche Umdichtung des Klassikers Straight Outta Compton der N.W.A. - verkündet: die zwei machen Ernst.

Die Einflüsse amerikanischer Rapformationen finden sich auf der Scheibe im Überfluss. Da wäre etwa das Intro namens In wenigen Sekunden, dessen Konzept bereits hinlänglich von Public Enemy bekannt ist und insbesondere an den Auftakt zu Fear of a Black Planet erinnert: eingestreute Zitate von Kritikern des Projekts (Nee, ich find die nich' so gut, weil die machen nur Scheißmusik... die Texte sind chauvinistisch...das ist altmodisch, das ganze Konzept...) und ein Countdown, zu dem eine Frauenstimme verkündet: das Rödelheim Hartreim Projekt beginnt in wenigen Sekunden. Darauf folgt auch gleich die erste Single Reime, die gleich einmal klar macht, was das Projekt vorhat: Ich jage dumme Reimesprecher wie Verbrecher. Klare Attacken gegen die Fantastischen Vier folgen auch sofort - Zeilen wie sie nennen sich fantastisch, ich wundere mich was sich/die Jungs dabei denken, sie sind spastisch folgten damals eindeutig der Intention, ganz nach Ice Cube/N.W.A.-Vorbild einen Beef vom Zaun zu brechen, für den die Fanta4 auf dem 1995 erschienenen, genialen Lauschgift nur noch locker-bissige Zeilen Marke wer hatte Recht, als er behauptete: vier gewinnt? Das waren wir, mein Kind, und jetzt spitz dein Ohr übrig. Während also die bewusst höchst aggressiven Lyrics auch in ihrer Einfachheit bei den Reimen heute eher ein Schmunzeln verursachen als das Gefühl von der Straße aus den Boxen an die Hörerschaft zu übertragen, sind die Beats einfach geil. In ihrer Einfachheit und Härte waren sie damals im deutschsprachigen Rap wirklich noch etwas Neues und auch heutzutage kann man sie noch erstklassig aufdrehen - der Bass geht tief und die Samples (etwa von Genesis, The Mamas & The Papas oder Joseph Goebbels [!]) verleihen den Tracks eine Frische, die ihnen in den 24 Jahren seit Release geblieben ist. Dem Rödelheim Hartreim Projekt zuzuhören, ist einfach ein großer Spaß, im positiven Sinne des Wortes.


Aber die Jungs konnten auch anders: in Songs wie Wahnsinn oder Guter Tag spiegeln sich Erfahrungen mit Depression und geistiger Labilität wieder, während Krieg von der Sinnlosigkeit eines bewaffneten Konflikts handelt: Wer sagt, er wolle den Krieg, ist ein Narr und geblendet von der Hoffnung auf Sieg. Das Outro Papa ist dann eine einzige Blödelei, in der sich abermalige Kampfansagen mit Skits abwechseln, die so sinnbefreit sind, dass man sich fragen muss, was für schlechten Stoff die beiden geraucht haben.

Das Positive überwiegt bei Direkt aus Rödelheim eindeutig: die Beats sind allesamt erstklassig produziert, die Lyrics zwar oft ziemlich lachhaft, dabei aber stets höchst unterhaltsam und die Features (Xavier Naidoo etwa, oder Timo S. mit seinem schwäbischem Dialekt) allesamt wunderbar anzuhören. Mit über 250.000 verkauften Exemplaren und einer Goldenen Schallplatte konnten Moses P. und Thomas H. auch eine beachtliche Fanbase hinter sich versammeln, wenn man bedenkt, dass Vergleichbares im deutschsprachigen Raum bis dato komplett gefehlt hatte. 1996 erschien als zweites Album noch Zurück nach Rödelheim, das leider, leider wesentlich schlechter als der Erstling ist und sich - trotz anfangs hoher Chartplatzierung - auch nicht so gut verkaufte wie das Debut des RHP. Aber sei's drum, wer sich ernsthaft für die Geschichte von Deutschrap interessiert, der braucht dieses Album (mittlerweile nur noch gebraucht erhältlich) sowieso. Und wer einfach mal herrliche Beats pumpen möchte, ohne allzu sehr auf die Texte dazu achten zu müssen, ebenfalls.

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