Direkt zum Hauptbereich

100 Jahre Medienkiste - Miami Vice

Universal

Ein Meilenstein, sensationell, atemberaubend - all das und noch viel mehr ist die Tatsache, in diesem Moment meinen einhundertsten Post für die Medienkiste zu verfassen, vielleicht (noch) nicht. Aber dieser kleine Meilenstein verlangt nichts desto trotz nach einem besonderen Thema. Und wenn mein erster Post vor mittlerweile fast vier Jahren mit einer Besprechung der ersten Staffel der Simpsons bereits ein Terrain beschritt, vor welchem mir ansonsten graut - das der Serienbesprechung nämlich, welches sehr viel Zeit in Anspruch nimmt und meistens ohnehin für die Fisch' ist - dann ist der 100. Post doch die perfekte Gelegenheit, wieder genau dorthin zurückzukehren. Das gefällt schließlich auch den Flamingos...

Dass ich die 1980er, jenes Jahrzehnt des grenzenlosen Hedonismus, der Synthesizer und der Ray-Ban-Sonnenbrillen einfach unfassbar gern habe, muss hier nicht nochmals erwähnt werden - ein Blick in meine Kate Bush-Rezensionen genügt. Die Verklärung eines Jahrzehnts, das neben all dem genannten jedoch auch maßgeblich durch die Cold-War-Paranoia, einen beständig schwelenden Konflikt zwischen Reagan-Amerika und einer allmählich erschwachenden Sowjetunion, weltweite Crack-Epidemien oder den Vokuhila in Aufruhr versetzt wurde, begann bereits in dessen zweiter Hälfte. Und dabei war besonders eine Fernsehserie von großer Bedeutung, eine Serie, welche die längst abgenutzte Prämisse einer korrupten Stadt und zweier Polizisten, die gemeinsam gegen das Verbrechen kämpfen, zu einem Spektakel für eine ganze Generation transformieren konnte und dabei absolut wegweisend für die kommenden Jahrzehnte werden sollte: Miami Vice.

Als am 16. September 1984, einem Freitagabend im Herbst, die Ausstrahlung der ersten Episode der bahnbrechenden Serie ihrem Ende entgegenging und ein Millionenpublikum urplötzlich die mittlerweile längst zur Legende gewordene Szene, in der die beiden Hauptfiguren Sonny Crockett (der gerade erfahren hat, dass sein langjähriger Arbeitspartner ein Verräter war) und Ricardo Tubbs (aus New York nach Miami gekommen, um den Tod seines Bruders zu rächen) in einem Ferrari Daytona durch die neonerleuchtete Nacht rasen, dabei ihre Schrotflinten nachladen und bedeutungsschwanger in die Ferne blicken, während im Hintergrund Phil Collins' In the Air Tonight mit seinem gewaltigen Drumsound und bedrohlichem Gesang den Soundtrack dazu liefert, erstmals zu Gesicht bekamen, musste sich in vielen Köpfen und Herzen etwas geregt haben. Es muss dem Publikum schlagartig klar geworden sein, dass Miami Vice wohl alleine durch diese eine, knapp vierminütige Szene von nun an die Show der Stunde sein würde, die Fernsehserie, die die 80er-Jahre für die Nachwelt wohl am besten in Bild und Ton konservieren können würde. Das Wesen der Sendung lässt sich gebündelt in dieser Szene finden: sie ist düster, die Inszenierung filmreif, sie wagt sich in Abgründe menschlichen Tuns vor, die bisher kaum eine Fernsehserie zu thematisieren gewagt hatte und legt dabei sehr viel Wert auf Style. Der Grundstein für eine Revolution des Fernsehprogramms - damals von eher dümmlich-seichten Klamotten wie The Dukes of Hazzard oder The Love Boat geprägt - war gelegt.

Universal
In Grundzügen sieht die Prämisse der Show folgendermaßen aus: Detective Sonny Crockett (gespielt von Don Johnson) bekämpft als Teil des Sittendezernats von Miami den immer größere Ausmaße annehmenden Drogenhandel, die Prostitution und den Menschenhandel. Als von Frau und Kind getrennte Existenz verbringt er seine Nächte auf einem Hausboot mit seinem Alligator Elvis und flieht oft von einer bedeutungslosen Affäre zur nächsten. Sein Partner, Ricardo Tubbs, reist - wie bereits erwähnt - von New York nach Miami, um den Drogenbaron Calderone, der Tubbs' Bruder auf dem Gewissen hat, hinter Gitter zu bringen. Da Crockett ebenfalls Calderone jagt, werden die beiden Ermittlungspartner. Gemeinsam ermitteln sie von nun an im Drogen- und Prostitutionsmilieu von Miami - oft undercover - und geraten immer wieder an persönliche Abgründe, die sie teils maßgeblich verändern werden.
War zuvor die Krimiserie selten von Tiefgang geprägt und auch nicht besonders aufwändig inszeniert (Ausnahmen bilden etwa die legendären Shows 77 Sunset Strip und Die Straßen von San Francisco), so nutzte man bei Miami Vice die kreative Kraft des vom Kino kommenden Produzenten und Regisseurs Michael Mann (Heat), um mit teils exorbitantem Budget die düsteren Geschichten im damals modernsten Gewand zu erzählen. Mann legte viel Wert auf die Farbgestaltung der Serie, erdige Brauntöne waren für ihn ein absolutes No-Go bei der Inszenierung der Episoden - Art Deco war angesagt und damit Farben wie Schwarz, Silber oder Pink. Besonders Miami, wo während der ersten Blütezeit des Art Deco bis in die Dreißiger viele Gebäude in diesem Stil errichtet wurden, eignete sich also hervorragend für derartige Vorstellungen seitens der Inszenierung.

Universal
Wer sich die ersten Episoden der Serie ansieht, wird davon jedoch noch herzlich wenig entdecken - bis auf die erwähnte Szene aus der Pilotepisode sind mindestens die ersten zehn Episoden der ersten Staffel eher gehobene Standardware denn filmreif. Womit genau der Wandel einherging, kann wohl niemand so genau sagen, doch spätestens ab Folge 14 (Smuggler's Blues) hatte man seitens der Regie und seitens der Musik endgültig den Stil gefunden, der Miami Vice 1986 zur beliebtesten Fernsehserie der Welt machen sollte. Dazu trugen auch die originalen Schauplätze bei, denn die Produzenten entschlossen sich dazu, die Show nicht in Los Angeles zu drehen - wie später bei CSI Miami - vielmehr drehte man tatsächlich an den Florida Keys, am South Beach mit dem berühmten Ocean Drive und auch in den Vierteln mit hoher Kriminalitätsrate. So wurde Miami, damals eine der gefährlichsten Städte der Welt, zu einem Tourismusmagneten und, zuvor eher als Pensionistenparadies verschrien, zur Definition von Coolness und Style. Denn auch auf Modetrends wurde sehr viel Wert gelegt: die Hauptdarsteller durften regelmäßig mit der Stilberatung nach Mailand und Paris fliegen, um sich neue Bekleidung von Ricci, von Versace oder Hugo Boss auszusuchen und die Trends von Europa nach Amerika zu bringen - das macht pro Folge locker sechs Outfits für jeden. Immer dabei natürlich die Sonnenbrillen - während die beiden Hauptdarsteller fast nur Ray Ban Wayfarer oder Aviator tragen, sind die weiblichen Figuren (etwa die Polizistinnen Gina und Trudy, ebenfalls undercover unterwegs) mit Ray Ban Bewitching bekleidet oder tragen Modelle von Carrera und Prada - Anzüge etwa von Armani dürfen jedenfalls bei keinem fehlen.

Universal
Man liest es schon, alleine durch den Kleidungsstil war Miami Vice eine absolute Ausnahmeerscheinung unter damaligen Kriminalserien. Weg von den eher gemächlicheren Ermittlern wie Colombo, Kojak oder Matlock, setzte die Serie den Weg von Magnum konsequent fort und ließ sich maßgeblich von der New Wave beeinflussen, um auf allen Ebenen eine Show für die MTV-Generation zu schaffen (schließlich war einer der ersten Konzepttitel der Serie auch MTV Cops). Bereits im Vorspann, der in rasanter Folge Bilder von Flamingos, Booten, Hunderennen und der Skyline von Miami zur pulsierenden Musik von Jan Hammer aneinanderreiht, weiß man eigentlich sofort, was einen inszenatorisch alles erwarten wird. Ihr ahnt es bereits - dabei spielte natürlich die Musik eine zentrale Rolle bei der Erzeugung von Emotion und dem Erzählen von Geschichten. Besonders deutlich in Erinnerung bleibt dabei etwa eine Szene, in der die beiden mit ihrem Ferrari durch die Nacht jagen, um einen geisteskranken Ex-Polizisten zu treffen, während das damals brandneue Brothers In Arms der Dire Straits die Folge an ihr schockierendes Ende trägt - nicht umsonst zählt Out Where The Buses Don't Run zu den besten TV-Episoden aller Zeiten. Der grimmige und oft zynische, wenn nicht sogar nihilistische Ton der Geschichten wird von der Musikauswahl noch unterstrichen, die Schnitte und Bilder passen sich der Musik an und nicht umgekehrt - so transportierte Miami Vice den Musikvideo-Look der New Wave (Shock the Monkey von Peter Gabriel etwa oder Don't You Want Me von The Human League) in das abendliche TV-Programm abseits von MTV und lieferte gleichzeitig einen wichtigen Beitrag bei der Etablierung von Musikern - es hieß, wer bei Miami Vice gespielt würde, habe es wirklich geschafft. Selbst die in den USA eher ein Schattendasein fristende Kate Bush wurde gespielt, oft fanden sich auch Gaststars wie Phil Collins oder Miles Davis in einer der Episoden ein. Dieser Erzählstil brachte der Show auch den Vorwurf des style over substance, also der Vernachlässigung von Plots und Charakteren zugunsten einer filmreifen Inszenierung, ein. Was vielmehr der Wahrheit entsprechen dürfte, ist, dass man lediglich althergediente Plots um düstere Komponenten und eine Menge Stil erweiterte. Wie dem auch sei, war Miami Vice wahrlich die Show der Stunde und wohl die Manifestation des mythologisierten Yuppie-Lifestyles, der sich neben den erwähnten Modedesignern auch mit Luxusautos (etwa dem Ferrari Testarossa, dessen Überreichung an die Produzenten der Show Enzo Ferrari höchstpersönlich veranlasste), Yachten, Schnellbooten und Drogen auseinandersetzte - für viele Zuseher war Miami Vice wahrscheinlich das erste Aufeinandertreffen mit derartigen Luxusobjekten und -produkten.
Ja, das ist Phil Collins. (Universal)

Über all diese Designspielereien sollte man zum Schluss trotzdem nicht vergessen, dass eine Fernsehserie auch von ihrer Handlung und der Charakterentwicklung leben können muss. Und während Miami Vice auf jeden Fall mehr zu erzählen hatte als beispielsweise Starsky & Hutch, sind die Bestrebungen der Figurenentwicklung noch eher als vorsichtig zu bezeichnen - hier war Twin Peaks auf jeden Fall wichtiger. Doch die Grundstimmung wurde mit jeder Staffel düsterer, was sich vor allem bei kleinen Änderungen in der Farbenwahl und in der Musik bemerkbar machte - besonders die Staffeln 3 und 4 sind hier oft rabenschwarze, bittere Abrechnungen mit Politik und Gesellschaft. Die Szene, in der ein Mörder breit grinsend aus dem Gefängnis schreitet, das er wegen einer List auf Polizeigeheiß als Unschuldiger verlassen darf, während We Do What We're Told von Peter Gabriel den Abspann begleitet, ist einfach nur großartig - und in ihrer Hoffnungslosigkeit bis dahin ungesehen im Krimigenre. In ihrer Atmosphäre war die Sendung wahrlich etwas Neues und Gewagtes. Und auch wenn manche Handlungsstränge etwas hohl oder konfus wirken, so muss man bei Miami Vice einfach von einem Meilenstein des Fernsehens sprechen. Miami Vice ist ganz einfach eine Sendung, die jeder, der sich auch nur im Entferntesten ernsthaft für TV-Geschichte oder die 80er interessiert, gesehen haben MUSS. Ohne Widerrede. Eine der großartigsten Shows aller Zeiten. Ein Meilenstein, sensationell, atemberaubend.

Universal

Kommentare

Kommentar veröffentlichen

Beliebte Posts aus diesem Blog

Genesis - The Lamb Lies Down On Broadway

Wer schon einmal in einem wahren Rausch der Inspiration gewesen ist, kennt das: man schreibt und schreibt, wohl wissend, dass jedes Wort, jeder Satz, den man niederschreibt, allerhöchste Qualität besitzt und die ganze Welt es wissen muss. So erging es auch Genesis-Frontmann Peter Gabriel, der 1974 im Alleingang ein Doppelalbum über Sinnsuche, erste Male und eine Menge Sinnestäuschungen schrieb. Nicht alle waren damit so einverstanden...
Die zeitgenössische Rezeption des Ulysses von James Joyce war eine weitgehend entsetzte: man sprach und schrieb von dem Jahrhundertwerk als ungenießbares Konzentrat, als die 1500-seitige Fantasie eines Jungen, der sich dabei seine Pickel auskratzt, als einzige, große, verwirrende Schweinerei. Wer das im Hinterkopf behält und sich auf The Lamb Lies Down On Broadway, den Ulysses of Concept Albums (The New Yorker) einzulassen gedenkt, muss also wagemutig sein und starke Nerven besitzen. Als großer Joyce-Fan und Genesis-Liebhaber konnte ich der Versuchung …

Die Klasse von 1984 (1982)

A Clockwork Orange meets Death Wish meets What the actual fuck!?Die Klasse von 1984 ist wirklich ein ganz besonderes Schätzchen unter den abenteuerlichen Dystopien der späten 70er und frühen 80er - warum man an Schulen nur noch mit Schusswaffen unterrichten kann, wie viel Koks eigentlich so auf Highschool-Klos vertickt wird und was das alles mit einem extrem schlechten Haarschnitt von Michael J. Fox zu tun hat, erfahrt ihr hier und heute: viel Vergnügen.


Idealistische Lehrer, die für ihr Fach Feuer und Flamme sind und bei deren Erscheinen die gesamte Klasse auf den Tisch steigt, die Hand aufs Herz legt und oh captain, my captain... intoniert? Richtig: nett anzuhören und wunderbar anzusehen, nur leider enorm realitätsfremd. Idealistische Lehre, die für ihr Fach Feuer und Flamme sind und bei deren Erscheinen Papierkugeln und Stühle durch die Gegend fliegen, während ein glatzköpfiger Kampfkoloss von einem Schüler bereits sein Messer wetzt? Hmm... vielleicht schon eher. Glaubt man zumindes…

Die allertraurigste Romantik und das schönste Leiden: Peter Gabriel - Us

Allgemein sagt man ja, Musiker in Krisen seien die besten Musiker. Geldprobleme wie bei Springsteen, die Folgen eines Überfalls auf Paul McCartney und das Wissen um Johnny Cashs baldigen Krebstod haben bei selbigen zu ganz und gar außergewöhnlichen, meisterhaften Ergebnissen geführt. Und auch Peter Gabriel stand 1992 vor den Trümmern seiner Beziehung mit der Schauspielerin Rosanna Arquette sowie vor einem zerrütteten Verhältnis zu seiner Tochter Anna-Marie. Das alles versuchte er auf seinem sechsten Studioalbum Us musikalisch zu verarbeiten.

Und wie sehr er sich ins Zeug gelegt haben muss, um seinem Privatleben das passende Soundgewand zu vermachen, wird sogleich am Opener Come Talk To Me deutlich. Afrikanische Schlaginstrumente, Dudelsack, ein armenisches Duduk sowie russicher Choralgesang veredeln das Drama um Entfremdung, um die Unfähigkeit, ab einem gewissen Punkt in Beziehungen miteinander zu reden und nicht zuletzt um unüberbrückbare Distanzen, die sich zwischen Menschen auftun …