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Duran Duran - Rio

EMI

Der Frühling geht fast augenblicklich in den Sommer über... mehr muss ich gar nicht wissen, um diese Platte zu rezensieren ;)


Das letzte Mal, als ich Duran Duran hier ins Rampenlicht geholt habe, hatten wir tiefsten Winter - es war kalt, meine Laune sowieso auf dem Tiefpunkt und müde war ich außerdem. Kein Wunder, dass die düsteren Synthesizer von Seven and the Ragged Tiger da gut ins Bild gepasst haben. Fast ein halbes Jahr später kratzt das Wetter in meiner Umgebung an der 30-Grad-Marke, die Sonne strahlt vom fast wolkenlosen Himmel und während ich meine freie Zeit zum Sonnen nutze, mache ich mich nebenbei daran, meinen Soundtrack für dieses Hochsommerwetter zu rezensieren.

Rio, das ist uns vor allem als Kurzform der brasilianischen Stadt Rio de Janeiro geläufig, ehemals Hauptstadt des Vereinigten Königreiches von Portugal und Brasilien sowie Heimat des legendären Karnevals, der Copacabana und einer ziemlich hohen Christusstatue. Doch 1982, in dem Jahr, in welchem Helmut Kohl in Deutschland Kanzler wird, Blade Runner in die Kinos kommt und ABBA sich auflösen, steht Rio für mehr als nur die zweitgrößte Stadt Brasiliens oder spanisch benannte Flüsse. 1982 steht Rio für nichts Geringeres als eine Revolution der Musik, insbesondere der Musikvideos - denn 1982, genauer gesagt am 10. Mai des Jahres, erscheint mit Rio das zweite Album der legendären New Romantic-Band Duran Duran. Und mit ihm die Inkarnation eines Lebensgefühles, die Verkörperung vieler damaliger Sehnsüchte und die Musikwerdung eines ganzen Jahrzehnts...

Man kann es gar nicht hoch genug einschätzen, was im Winter 1981/1982 in den Londoner Air Studios alles getrieben wurde. Der minimalistische Sound des Debutalbums mit dem raffiniert durchproduzierten Hit Girls On Film hatte der Truppe um Sänger Simon LeBon bereits einen fixen Platz in der Clubszene Großbritanniens beschert. Als man von einer Tournee mit Blondie mit neuen Songs im Gepäck zurückkehrte, ging es schon bald wieder ins besagte Studio, um das zweite Album einzuspielen. Mit gewaltigen Entwicklungen im Soundgewand: schon die ersten dreißig Sekunden des Openers Rio zeigen prahlerisch auf, was plötzlich alles im Budget drin war. Drum machines! Ganz viele Keyboards! Ein analoger Roland-Synthesizer! Und das alles ganz wild übereinandergelegt! Reizüberflutung pur. Und irgendwo dazwischen säuselt Simon LeBon von einer Frau namens Rio, die alles zeigt, was sie hat und durch den Sand am Ufer des Rio Grande tanzt - ist ja eigentlich auch egal, denn was hauptsächlich rüberkommen soll, ist ganz klar: Dekadenz! Verschwendungssucht! Hedonismus! Und so ziemlich alles dazwischen, drüber und drunter, dahinter und davor. War es auf dem Debut noch die zunehmende Apathie unter den New Romantics, die thematisiert und beklagt wurde, schafften Duran Duran auf Rio den Sprung weg von den Anklägern hin zu den Partylöwen und Frauenhelden in Anzügen von Anthony Price, die auf Yachten durch die Karibik düsen und mit brünetten Schönheiten im Wasser spielen. So suggeriert es zumindest das dazugehörige Musikvideo zur Single, ein für damalige Zeiten unfassbar gut inszeniertes Video mit innovativen Schnitttechniken, wie man sie bis dahin wohl am ehesten in Thrillern wie Blow Out bestaunen zu hoffen gewagt hätte. Der Clip ist heutzutage längst ein Klassiker der Musikvideogeschichte und neben den legendären Kurzfilmen zu Ashes to Ashes und Thriller zu einem der Begründer des Genres, wie man es heutzutage kennt, geworden.

My Own Way schlägt sowohl musikalisch als auch textlich in dieselbe Kerbe - es ist laut und fast schon hektisch, der Text handelt abermals von der dekadenten Partykultur der 80er, die wohl entscheidend von Duran Duran mitgeprägt worden sein dürfte, in demselben Augenblick, in dem sie von der Band angeklagt wurde. Lonely in Your Nightmare ist dann ein weniger ansprechender Song, der Refrain zieht sich ewig hin, wohl auch deswegen, weil spätestens ab dem zweiten Hören jede/r gespannt auf die nächsten Songs warten wird. Die Tracklist beschenkt die werten Zuhörer gleich mit Hungry Like The Wolf, wieder einem dieser Songs, die man - einmal gehört - nie wieder vergessen kann. Schon wegen dieses unwiderstehlichen Riffs, das nach dem ersten Anhören jede Hörerin und jeder Hörer sofort identifizieren wird können, und der packend dichten Anordnung der Instrumente, welche die beiden Stereokanäle bis zum Bersten ausfüllen, ein klarer signature song der Band. An solch hohem Wiedererkennungswert fällt mir von denen nur noch Notorious ein... aber da ging's schon bergab. Was Hungry Like The Wolf weiters auszeichnet, ist sein fabelhaftes Musikvideo, das sich abermals kräftig am Kino bedient und in bester Indiana Jones-Manier Sänger Simon LeBon durch den Dschungel Sri Lankas rennen lässt, um einer Frau in Tigerbemalung nachzujagen. Irgendwie ziemlich schräg, aber wie bereits beim Titelsong gilt auch hier: für damals ein ungemein progressives und enorm gut gemachtes Musikvideo! Die erste Seite der LP findet mit Hold Back the Rain zu eine fantastischen Schluss, der mit der aufgestauten Lust von Hungry... genauso kokettiert wie mit der ebenfalls schon erwähnten Verschwendungssucht (sometimes you're needed badly...). Spätestens nach Seite 1 von Rio sollten sich Fragen nach einem zusammenfassenden Klangbild der 80er erübrigt haben.

New Religion, in den Liner Notes als "Dialog zwischen Ego und Alter Ego" bezeichnet, ist ein weiterer ganz, ganz starker und treibender Song, dem das sehr ähnlich klingende Last Chance on the Stairway, eine Hymne auf hedonistisch angehauchtes Verlangen und eine gewisse Sinnlosigkeit desselben im Leben, das bestimmt von Partys und Drogen seinen Lauf nimmt, vorgetragen in diesem den 80ern so eigenen apathischen Stil, den ich so liebe, folgt. Besonders hervorzuheben ist bei letzterem Song das dominante Gitarrenspiel Andy Taylors, das leider bei den übrigen Tracks etwas knapp kommt. Das Synthesizer-Intro von Save A Prayer ist mindestens genauso bekannt wie der Rest des Songs, der mit seiner episch anmutenden Komposition, wie sie hervorragend in ein Miami Vice-Staffelfinale passen würde, bis auf Platz 2 der britischen Charts kam und bis heute einer der bekanntesten Songs von Duran Duran ist - und das nicht umsonst. Sehr überraschend kommt zum Schluss der Platte noch der one-of-a-kind-Track The Chauffeur, dessen minimalistisches Arrangement, in welches sich sogar eine Okarina verirrt hat, angenehm an das Debutalbum erinnert - gerade zu dem Zeitpunkt, da man beim Zuhören ob der ständigen Reizüberflutung in den Ohren ohnehin einer gewissen Ermüdung erliegt. Gutes Timing also. Auch, um die Platte abzuschließen. Sonst wäre sie nicht mehr frisch genug. So schaffte man es auf Platz 2 der britischen Albumcharts, befeuert von der Vorabsingle Hungry Like the Wolf. In den USA wurde die Platte aufgrund eines eher kuriosen Sachverhaltes erst später ein Erfolg: die Erstpressung, die auf der EMI-Tochter Harvest erschien, hatte eine so schlechte Tonqualität, dass sie eingestampft werden musste. Ende 1982 erschien dann die amerikanische Ausgabe erneut, diesmal mit jeder Menge Remixes, die auf das US-Publikum abzielten und Rio bis auf Platz 6 der Billboard Charts brachten. Diese Remixes von David Kershenbaum erschienen in Europa zuerst als Mixe für Tanzclubs, ehe sie in den USA den Weg auf die LP fanden - so wurden Duran Duran für amerikanische Hörerinnen und Hörer zu einer Dance-Band, die originalen Songs im Stil der New Romantics blieben über Jahre auf dem amerikanischen Markt unveröffentlicht.

Rio, das ist wirklich die hörbare Verkörperung all dessen, was die Achtziger Jahre auszeichnet - heutzutage oft eher zynisch belächelte Synthesizer und Drum machines auf der einen Seite, grenzenlose Dekadenz und Reizüberflutung, Partys, Drogen auf der anderen. Ein großartiges Album, das selbst von Lady Diana als eine ihrer Lieblingsplatten bezeichnet wurde. Und wenn Songs über aufgestaute Geilheit, über düster anmutende Schönheiten und Verschwendungssucht schon in Königshäusern gehört werden, dann gibt es doch wirklich keine Entschuldigung mehr, Rio nicht gehört zu haben ;) Klare Höchstwertung für ein Album, das zum Sommer noch besser passt als die Yachten in die Karibik... oder so. Keine Ahnung.

Kommentare

  1. Daumen hoch! Ich fürchte, die 1980er werd ich persönlich sowieso nie so wirklich los ;-) Habs jetzt aufgegeben. Lustigerweise im Grunde DAS Jahrzehnt, das mich sicher stark beeindruckt und geprägt haben dürfte. Das Video zu RIO ist ja übrigens wirklich cool gemacht :D

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