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Der Junge und sein Hund (1975)

LQ/JAF Productions

Es ist doch so: die Liebe eines Hundes zu seinem Menschen (und vice versa) dürfte wohl zweifelsfrei zu den reinsten und langanhaltendsten gehören, die man kennt. Nicht umsonst sagt man auch, der Hund sei der beste Freund des Menschen. Was aber, wenn sich beide in einer vom Atomkrieg zerstörten Welt wiederfinden und Tag ein, Tag aus auf der verzweifelten Suche nach Nahrung sind? 

Dieses Szenario ist der Ausgangspunkt der postapokalyptischen schwarzen Komödie A Boy and His Dog, auf deutsch: Der Junge und sein Hund. 1975 inszenierte Regisseur L.Q. Jones den Streifen nach einer Novelle von Harlan Ellison.

Der Film spielt im Jahr 2024: in einer alternativen Zeitlinie tobte von 1960 bis 1983 der Dritte Weltkrieg zwischen den USA und der Sowjetunion, dem 2007 der 4. folgte - seitdem sind weite Teile der Vereinigten Staaten verseuchtes Ödland, Nahrung und sauberes Wasser ebenso Mangelware wie Frauen. Die Folge: langsam aber sicher stirbt die Bevölkerung aus. Mitten in diesen düsteren Zuständen wandelt der 18-jährige Vic (Don Johnson in seiner allerersten Filmrolle) mit seinem Hund Blood, einer Mischung aus Collie und West Highland White Terrier, durch die Wüste Arizonas mit dem Ziel, Nahrung und Sex zu finden. Vic und Blood können miteinander kommunizieren, was ihnen oft aus brenzligen Lagen hilft, und geraten bei ihrer Suche an Quilla June Holmes, der Vic nach einer langen Nacht in eine unterirdische Stadt folgt, welche mit eiserner Hand von Lou (Jason Robards) geführt wird. Vic wird an eine Maschine angeschlossen, die seinen Samen zwecks Fortpflanzungsmöglichkeiten auspumpt und konserviert. Als Quilla June ihn befreit, heißt es fliehen...

Epix

Dies sei einmal zur Handlung gesagt. Ja, dieser Plot klingt wirklich ziemlich nach übelstem Science-Fiction-Trashkino, doch was Regie und ganz besonders Kamera daraus gemacht haben, lässt sich nach mittlerweile über vierzig Jahren immer noch sehen. Bilder wie das oben angeführte finden sich mit beeindruckender Regelmäßigkeit - die Isolation im zerstörten Ödland, die Beziehung Hund-Mensch und das rätselhafte Licht der Sonne wurden von Kameramann John Arthur Morrill absolut traumhaft eingefangen. Die musikalische Untermalung von Tim McIntire und Ex-Doors-Orgelspieler Ray Manzarek gelangt nur spärlich zum Einsatz und dann meist in Form einzelner, kurzer Saitenanschläge, die vom großen Freiheitskino jener Jahre (Zabriskie Point, Easy Rider,...) zehren und dem Ganzen damit noch einen zusätzlichen märchenhaften, psychedelischen Touch verleihen. Für einen Film, der offiziell als Science Fiction gilt, ist das Erzähltempo sehr langsam und nachdenklich, die Regie lässt sich Zeit, um auf 90 Minuten die Handlung gemächlich, aber nicht zu langatmig zu entfalten.

Epix

Ganz anders ist dabei jedoch der Erzählton: natürlich gibt es einige nachdenkliche und emotionale Momente, etwa, als Blood seinem Herrchen verspricht, auf ihn zu warten, bis er aus der Unterwelt zurückkommt. Doch im Großen und Ganzen ist der Film erbarmungslos zynisch: Blood ist ein misanthroper Hund, der immer einen sarkastischen Kommentar auf der Schnauze hat und dem - bis auf Essen, Schlafen und sein Herrchen - ohnehin alles sonst wo vorbei geht. Don Johnson verkörpert einen ähnlich egalitären Jugendlichen, seine Welt dreht sich um Nahrung, seinen Hund und Sex. Denn in der Postapokalypse, wie sie dieser Film zeigt, werden Frauen ob ihrer Seltenheit hauptsächlich als Wesen zur Fortpflanzung wahrgenommen, was dem Streifen auch durchaus den Vorwurf der Misogynie einbrachte - dazu weiter unten. Der Film liefert - besonders durch sein an herrlich düsterem Humor nicht zu überbietendem Ende - einen bitter-, bitterbösen Beitrag zu den in den 70ern weit verbreiteten Visionen der Apokalypse, der besonders durch sein schräges Setting, seine abgedrehten Charaktere und seine kompromisslose Darstellung in Erinnerung bleibt. In der Unterwelt angekommen, treffen wir mit Vic auf weiß maskierte Menschen im Farmergewand, die über Orwell-mäßige Lautsprecheranlagen abgelenkt und befehligt werden und die alles daran setzen, den Zustand vor den Weltkriegen aufrecht zu erhalten - Gottesdienst und Picknick im Park inklusive.

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Was dem Film bei dieser Gratwanderung zwischen einigen emotionalen Stellen und über weite Strecken vollkommen absurden Settings hilft, ist die Tatsache, dass er - trotz geringen Budgets - absolut überzeugend in Szene gesetzt wurde. Keine offensichtlichen Fotomontagen wie bei Straße der Verdammnis, keine künstliche Studioatmosphäre wie in alten Western - ähnlich wie David Lynchs Dune sparte die Ausstattung hier an Bauten und die wenigen, die es außer Wellblechhütten und unterirdischen Parks noch gibt, wurden minimalistisch designt, was dem Ganzen sogar einen Hauch 2001 - A Space Odyssey verleiht. Hier gilt wirklich: weniger ist mehr. Die schauspielerischen Leistungen aller Beteiligten und die extrem gute Abrichtung des Filmhundes tragen dann ihr übriges dazu bei, dass A Boy and His Dog wahrhaftig nicht so wirkt, als sei er bald ein halbes Jahrhundert alt.

Wie bereits erwähnt, gibt es Szenen im Film, die für viele Menschen äußerst grenzwertig sind: Don Johnsons Charakter etwa pflegt es, Frauen aus einem Versteck heraus beim Ausziehen zu beobachten, um sie dann mit vorgehaltener Waffe zum Sex zu bewegen. Außerdem dürfte ein Szenario, bei dem Frauen Mangelware und deshalb in den Köpfen der Männer zumeist Fortpflanzungsgarantinnen sind, im 21. Jahrhundert wohl ebenso für Kopfschütteln bei vielen sorgen. Was man dem Film auch nicht absprechen kann. Dies ist nun einmal das Setting - doch persönlich bin ich der Ansicht, dass postapokalyptische Szenarien wohl von vorn herein nicht wirklich für Humanität, Heldentum und Inklusion stehen, denn sonst wären sie niemals so extrem. Don Johnsons Figur ist auch gar nicht als Held angelegt, zentral ist für ihn rein das Überleben ohne Kompromisse - ein Motiv, das in ähnlichen Szenarien gang und gäbe ist. Der Schluss, der eine eindeutige Entscheidung Vics für seinen Hund und gegen die Frau June darstellt, stieß dem Autor der Vorlage ebenfalls sauer auf - persönlich finde ich ihn absolut genial, ohne jetzt zu viel vorwegzunehmen. An Stellen wie diesem Ende merkt man, dass die Fallout-Macher ganz extrem von diesem Film inspiriert wurden - die Spiele sind ähnlich zynisch und düster.

Abschließend möchte ich kurz und knapp festhalten, dass mir Der Junge und sein Hund immens zugesagt hat, ich den Streifen höchst unterhaltsam und fabelhaft inszeniert finde und auch das Szenario nur mehr halb so menschenverachtend daherkommt, wenn man sich einmal ähnlich gelagerte Filme (Mad Max etc.) zu Gemüte führt. Ein Film mit dem Herz am rechten Fleck, der ein gutes Gespür für den schmalen Grat zwischen Realismus und Absurdität besitzt und es ausgezeichnet versteht, sein Publikum bei Laune zu halten. Höchst empfehlenswertes Kleinod (wenn auch sicher nicht jedermanns Geschmack)!

PS: da der Film in der Public Domain ist, kann man ihn sich in ganzer Länge auf YouTube und dergleichen geben!

Kommentare

  1. Wunderbar beschrieben, lieber Maximilian! Schwarzer Humor ist, finde zumindest ich, immer recht gut - und was Inklusion angeht...ganz ehrlich, da hat leider auch 2018 noch viel zu lernen! Oder vielmehr, so manche unserer Zeitgenossen. Dass IHM sein Hund so wahnsinnig viel bedeutet, kann ich gut nachvollziehen - war für mich auch immer so. Einer, der ein Problem mit Charlotte hat...wäre bei mir sicher nicht untergekommen.

    Daumen hoch! SUPER!

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