Direkt zum Hauptbereich

Umleitung (1945)

P.R.C.
Das Leben ist so eine Sache - mal eine einzige Ekstase, mal ein einziger, gigantischer Alptraum. Das Genre des film noir befasste sich bevorzugt mit letzterem - den dunklen Abgründen menschlicher Existenz, mit den Schatten des Unbewussten, die Menschen verschlingen und zu abgrundtief bösartigen Subjekten werden lassen können...

Ein ganz besonders zynischer Vertreter dieser Gattung ist der 1945 gedrehte Low-Budget-Film Detour (Umleitung) von Regisseur Edgar G. Ulmer. Der Protagonist, ein erfolgloser Pianist namens Al, vertritt die Auffassung That's life. Whichever way you turn, fate sticks out a foot to trip you.  Al ist ein simpel gestrickter, vom Pech verfolgter Fatalist. Seine einzige Hoffnung: die Liebe. Doch als seine Verlobte Sue ihm eines Abends eröffnet, sie gehe nach Hollywood, um dort ihr Glück zu versuchen, kommt Al auch noch dieses kleine Glück abhanden. Von einem großzügigen Trinkgeld animiert, beschließt er, von New York nach Hollywood zu trampen, um seine Geliebte wiederzusehen. Wäre Al doch lieber zu Haus geblieben.

P.R.C.
An und für sich ist Al für die Handlung ja gar nicht mehr erfassbar: er hockt nämlich in einem namenlosen Bistro in einer unbekannten Stadt und erzählt uns - dem Publikum - seine Geschichte. Auch das tut er nur aus blinder Ergebenheit an sein Schicksal: als einer der Gäste zu Beginn des Films I Can't Believe That You're In Love With Me in die Jukebox des Bistros drückt, wird Al ganz anders zumute. Und niedergeschlagen, sein Gesicht in Schatten gehüllt, erzählt er nun, was auf seiner Reise von New York nach L.A. alles passiert ist: nach Tagen des Umherziehens nimmt ihn der Geschäftsmann Charles Haskell mit. Die Narben auf dessen rechter Hand beunruhigen unsere Hauptfigur sofort - sie stehen bereits für den Charakter, der ihn in den Abgrund führen wird. Natürlich ahnen weder Al noch das Publikum etwas davon. Als Haskell des nachts auf dem Beifahrersitz schläft, übernimmt Al das Steuer und es beginnt zu regnen - beim Überziehen des Verdecks macht er die Beifahrertüre auf und Haskell kippt einfach auf die Straße: tot. Aus Angst, man würde ihn des Mordes bezichtigen, lässt Al die Leiche verschwinden, nimmt Haskells Papiere und Geld sowie Kleidung an sich und fährt einfach davon. Er scheint davonzukommen, doch sein Gewissen quält ihn. Nachdem er sich in einem Hotel ausgeruht hat, fährt er weiter und nimmt kurz nach der Grenze zu Kalifornien eine Anhalterin mit. Nachdem diese sich ebenfalls kurz schlafen gelegt hat, wacht sie auf und fragt: Where did you leave his body? Tja, und da schaut er erst mal ziemlich überrascht...

P.R.C.
Umleitung ist schon ein ganz düsterer Vertreter des Noir. Wie hoch ist schon die Wahrscheinlichkeit, dass man von einem Mann mitgenommen wird, der irgendwo im Nirgendwo plötzlich stirbt, nur um sich dann seines Wagens zu bemächtigen, mit dem man eine Anhalterin mitnimmt, welche wiederum bereits mit dem eigentlichen Besitzer des Wagens ein Stück gefahren ist? Ja ja, unser Al hat wirklich allen Grund, an die Unabwendbarkeit des Schicksals zu glauben. Aber immerhin schafft er es doch noch nach L.A., wenn auch mit einer femme fatale, die ihn ständig an die Polizei auszuliefern droht, im Schlepptau. In einem auffälligen Luxuswagen, der ihm gar nicht gehört. Und mit Geld, das ihm ebenso nicht gehört. Es steht auf jeden Fall fest: seine Verlobte wird er so schnell nicht zu Gesicht bekommen. Wobei - eigentlich scheint Al die rauhe Art der Anhalterin namens Vera ja irgendwie zu genießen. Nur, als sie vorschlägt, er solle sich als Mr. Haskell ausgeben, um an das Erbe des schwer kranken Charles Haskell, Sr. zu gelangen und mit ihr ein Leben in Reichtum anzufangen, steigt Al aus. Und als ein weiterer Todesfall geschieht, den Al uns in seiner retrospektiven Erzählung als Unfall und Versehen zu verkaufen versucht, weiß man als Zuschauer ohnehin nicht mehr, wo einem der Kopf steht. Oder, wie man unter so schlechten Voraussetzungen einen dermaßen guten Film drehen konnte.

P.R.C.
Tom Neal, der Hauptdarsteller dieses schwarzen Meisterstücks, erlitt ein ähnliches Schicksal wie seine Figur des Al: 1951 endete seine Karriere, nachdem er sich mit einem anderen Schauspieler um eine Frau geprügelt hatte, 1965 wurde er wegen Mordes zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt und kurz nach der Entlassung starb er an Herzversagen. In Umleitung ist von diesem tragischen Schicksal jedoch noch lange nichts zu merken: der damals noch völlig unbekannte Neal mimt den fatalistischen, ewig kummervollen Pianisten einfach fabelhaft, sein unrasiertes und eingefallenes Gesicht stehen als Symbol für die Kraft, mit der ihm sein Schicksal wieder und wieder auf den Boden der Tatsachen zu schleudern scheint. Auch Ann Savage, die Frau, die ihn demütigt, erpresst und gefangen hält, spielt ihre Rolle großartig - genauso stellt man sich die femme fatale des film noir vor: kalt, böse und verführerisch, ein tödlicher Cocktail. Was den Film jedoch so geheimnisvoll und anziehend macht, ist die Tatsache, dass er unter den schlechtesten Voraussetzungen entstand, die man sich denken kann, dies auch deutlich sichtbar macht und trotzdem nach über 70 Jahren noch so fabelhaft funktioniert: mit einem Budget von etwa 20.000 Dollar und privater Requisite des Regisseurs sowie der Darsteller in vierzehn Tagen auf einem Autoparkplatz und vor Studiokulisse gedreht, vermochten alle Beteiligten, aus Umleitung ein perfides Kammerspiel zu machen, das ausschließlich vom Zusammenspiel seiner beiden Hauptdarsteller lebt (viel mehr gabs ja auch nicht ;) ). Und da stören auch eine wacklige Kamera, ein unruhiger Bildstand der verfügbaren Kopie und ein etwas seltsames Pacing der ersten zehn Minuten überhaupt nicht: sie werden von einer subtilen Vielschichtigkeit, einem herrlich unzuverlässigen Erzähler und einer rabenschwarzen Atmosphäre mit Leichtigkeit ausgeglichen. Umleitung ist ein Paradebeispiel für die Notwendigkeit eines guten Drehbuchs und einer kreativen, ausdrucksstarken Regie: wenn diese beiden vorhanden sind, dann kann auch ein Film aus Hollywoods sogenannter Poverty Row ein großes Meisterwerk werden, von dem man noch lange sprechen wird.

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Genesis - The Lamb Lies Down On Broadway

Wer schon einmal in einem wahren Rausch der Inspiration gewesen ist, kennt das: man schreibt und schreibt, wohl wissend, dass jedes Wort, jeder Satz, den man niederschreibt, allerhöchste Qualität besitzt und die ganze Welt es wissen muss. So erging es auch Genesis-Frontmann Peter Gabriel, der 1974 im Alleingang ein Doppelalbum über Sinnsuche, erste Male und eine Menge Sinnestäuschungen schrieb. Nicht alle waren damit so einverstanden...
Die zeitgenössische Rezeption des Ulysses von James Joyce war eine weitgehend entsetzte: man sprach und schrieb von dem Jahrhundertwerk als ungenießbares Konzentrat, als die 1500-seitige Fantasie eines Jungen, der sich dabei seine Pickel auskratzt, als einzige, große, verwirrende Schweinerei. Wer das im Hinterkopf behält und sich auf The Lamb Lies Down On Broadway, den Ulysses of Concept Albums (The New Yorker) einzulassen gedenkt, muss also wagemutig sein und starke Nerven besitzen. Als großer Joyce-Fan und Genesis-Liebhaber konnte ich der Versuchung …

Die Klasse von 1984 (1982)

A Clockwork Orange meets Death Wish meets What the actual fuck!?Die Klasse von 1984 ist wirklich ein ganz besonderes Schätzchen unter den abenteuerlichen Dystopien der späten 70er und frühen 80er - warum man an Schulen nur noch mit Schusswaffen unterrichten kann, wie viel Koks eigentlich so auf Highschool-Klos vertickt wird und was das alles mit einem extrem schlechten Haarschnitt von Michael J. Fox zu tun hat, erfahrt ihr hier und heute: viel Vergnügen.


Idealistische Lehrer, die für ihr Fach Feuer und Flamme sind und bei deren Erscheinen die gesamte Klasse auf den Tisch steigt, die Hand aufs Herz legt und oh captain, my captain... intoniert? Richtig: nett anzuhören und wunderbar anzusehen, nur leider enorm realitätsfremd. Idealistische Lehre, die für ihr Fach Feuer und Flamme sind und bei deren Erscheinen Papierkugeln und Stühle durch die Gegend fliegen, während ein glatzköpfiger Kampfkoloss von einem Schüler bereits sein Messer wetzt? Hmm... vielleicht schon eher. Glaubt man zumindes…

Die allertraurigste Romantik und das schönste Leiden: Peter Gabriel - Us

Allgemein sagt man ja, Musiker in Krisen seien die besten Musiker. Geldprobleme wie bei Springsteen, die Folgen eines Überfalls auf Paul McCartney und das Wissen um Johnny Cashs baldigen Krebstod haben bei selbigen zu ganz und gar außergewöhnlichen, meisterhaften Ergebnissen geführt. Und auch Peter Gabriel stand 1992 vor den Trümmern seiner Beziehung mit der Schauspielerin Rosanna Arquette sowie vor einem zerrütteten Verhältnis zu seiner Tochter Anna-Marie. Das alles versuchte er auf seinem sechsten Studioalbum Us musikalisch zu verarbeiten.

Und wie sehr er sich ins Zeug gelegt haben muss, um seinem Privatleben das passende Soundgewand zu vermachen, wird sogleich am Opener Come Talk To Me deutlich. Afrikanische Schlaginstrumente, Dudelsack, ein armenisches Duduk sowie russicher Choralgesang veredeln das Drama um Entfremdung, um die Unfähigkeit, ab einem gewissen Punkt in Beziehungen miteinander zu reden und nicht zuletzt um unüberbrückbare Distanzen, die sich zwischen Menschen auftun …