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Sting - Bring on the Night

A&M/MMK

Mit Konzertalben habe ich so meine Probleme. Zu sehr hat man sich oft an Studioversionen gewöhnt, als dass man dann die Lieblingssongs in ihren oft dramatisch anderen Live-Performances wertschätzen kann. Zumindest geht's mir so. Von daher ist es wahrscheinlich gut, dass ich nie großer Sting-Fan war - denn eigentlich dürfte Bring on the Night gar nicht in meiner Sammlung sein...

Doch das eigene Leben sieht eben oft anderes für einen vor als man selbst. Als ich im beginnenden Teenageralter angefangen habe, Platten zu sammeln, bekam ich auf einem Flohmarkt von meiner Mutter Bring on the Night in die Hand gedrückt - und meine abwehrende Reaktion (ich habe Sting gehasst, bevor ich 16 war!) wurde mit einem trockenen "Irgendwann wirst du es schätzen lernen" quittiert. Während ich diese Zeilen schreibe, dreht sich das Doppelalbum bereits zum zweiten Mal an diesem Wochenende auf dem Plattenteller und während ich der Scheibe beim langsamen Drehen, dem Tonabnehmer beim Abtasten derselben zuschaue, wird mir klar, dass dieses "Irgendwann" inzwischen gekommen zu sein scheint.

1986, als Bring on the Night weltweit erschien, war Jazz an und für sich nicht wirklich ein Garant für große Charterfolge. Gut, Miles Davis veröffentlichte das nicht ganz unbeachtete Album Tutu und Wynton Marsalis war - zumindest in den USA - auch irgendwie immer da. Aber ansonsten war das Jahr 1986 von Synthesizern, Drum machines und Phil Collins dominiert, von Absolute Beginners und Sledgehammer einmal abgesehen. Umso erstaunlicher, dass Gordon Sumner, a.k.a. Sting, zu jener Zeit ein großer Star geworden war, vor allem dank seines 1985 erschienenen Solo-Debuts The Dream of the Blue Turtles, dessen musikalische Richtung sich klar von den New Wave-Exzessen seiner ehemaligen Band, The Police, abzugrenzen suchte und dies dank gekonnter Jazz-Pop-Fusionen auch meisterhaft tat. Bring on the Night fängt das Flair der anschließenden Tournee ein und wurde primär in Paris, Rom sowie in Arnheim aufgenommen - doch es klingt nach so viel mehr als einfach einer Aneinanderreihung verschiedener Aufnahmen ohnehin bekannter Hits...

Denn gerade Sting scheint bei Konzerten gerne und großzügig mit Songs zu experimentieren. Bereits der Opener, das titelgebende Bring on the Night, hat mit dem gleichnamigen Police-Song nur mehr sehr bedingt zu tun. War dieser nämlich ein etwas schräg anmutender Reggae-Titel, baut sich diese Live-Version ganz dramatisch mit einem langgezogenen Gitarrenintro auf, um letzten Endes den Refrain zur Hymne zu machen, zu einer Einstimmung auf ein wahrlich unvergessliches Erlebnis. Was diese Version dann endgültig adelt, ist die Fusion mit einem zweiten Police-Song, When the World Is Running Down, You Make the Best of What's Still Around, zu einem insgesamt elfminütigen Medley, das schon eher nach Prog Rock denn nach Jazz tönt und die Vielseitigkeit Stings unter Beweis stellt. Außerdem wird klar, was für eine aufgeweckte und begabte Band Sting zu dieser Zeit hatte: Kenny Kirklands Keyboards, das Saxophon von Branford Marsalis und Bassist Darryl Jones sowie Sting selbst - der neben Gesang und Gitarre auch noch bei Bass und Keyboard mit von der Partie ist - stechen besonders heraus und spielen um ihr Leben. So gut eingespielte Bands hört man auf Livealben bei weitem nicht immer! Und die Improvisationsfreude all dieser Musiker ist ansteckend: wenn Demolition Man, der tendenziell eher härtere Jazz-Rock-Titel der Police, plötzlich eine Klarinettstimme dazubekommt und One World in einer an Virtuosität nicht zu überbietenden Bridge scheinbar mühelos in das doch so gänzlich andere Love Is The Seventh Wave fließt, in der sich Stings Gitarre und die elektronischen Drums von Omar Hakim sinnlich leicht umspielen, dann kann man als Zuhörer nicht anders, als vor dem Gehörten in Ehrfurcht zu erstarren und voll und ganz mitgerissen zu werden von der berauschenden Musik, die da auf Vinyl gepresst wurde. Was muss das live für ein Erlebnis gewesen sein!

Als klare Highlights des Doppelalbums dürfen neben den erwähnten Medleys vor allem die Versionen von Consider Me Gone mit einem pulsierenden 'you can't... say that'-Anfang, We Work the Black Seam, Moon Over Bourbon Street und der Abschluss Tea in the Sahara gelten - alles Songs, die großzügig umgestaltet und gegenüber ihren Originalversionen dramatisch verbessert wurden. Dass alle beteiligten Musiker viel Spaß daran gehabt haben müssen, diese großartigen Songs auf der Bühne noch besser zu machen, hört man in jeder Note, spürt man bei jedem Solo und geht einem beim Hören selbst ins Blut über. Dass es dazwischen auch immer wieder tosenden Applaus zu hören gibt und die komplett digitale Produktion der Scheibe als äußerst gelungen bezeichnet werden darf, rundet das Gesamtbild hervorragend ab und macht Bring on the Night zu einem Livealbum, das man auch nach 32 Jahren sowohl Fans (die es ohnehin schon besitzen werden) als auch Nicht-Fans und absoluten Gegnern von Konzertplatten ans Herz legen kann.

Da kann ich wirklich nur sagen: Danke, Mama! Und wer die Scheibe wirklich nicht mag, sollte sie ein paar Jahre liegen lassen... "Irgendwann wirst du es schätzen lernen." ;)

MMK

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